Hass regt auf. Dieses Gefühl will keiner haben. Mitunter glaubt man ja fast, es gäbe Hass erst, seit es das Internet gibt. Dort treibt er sein Unwesen bekanntlich besonders auffällig. Ich gehöre aber nicht zu jenen, die glauben, dass sich im Gefühlshaushalt heutiger Menschen im Vergleich zu früheren so viel geändert hat - es gibt halt nur deutlich mehr Möglichkeiten, seine negativen Gefühle zum Ausdruck zu bringen. Früher gab es dafür eigene Workshops, wo diese Emotionen therapeutisch hervorgekitzelt wurden, um ihrer gewahr zu werden und sie - je nach Schule - auszuagieren oder in den Griff zu kriegen. Das geht heute schneller.

Hass- und Wutausbrüche gegen in der Öffentlichkeit stehende Menschen hat es freilich auch schon immer gegeben - aber halt nur selten(er) öffentlich. Ich erinnere mich an genügend Gelegenheiten, bei denen Freunde (und selbstverständlich auch ich) ihre/unsere negativen Gefühle lauthals herausplärrten, wenn uns - in kleiner Runde - ein im TV Auftretender missfiel oder nervte.

"Wenn ich den/die schon sehe!" - und schon wanderte, als verstärkende Geste, ein Finger in den offenen Mund. So was machen auch korrekte Menschen. Und es ist völlig normal. Weniger normal ist es, wenn man es nicht bei solchen Spontangesten belässt - und glaubt, die Betroffenen und auch (viele) andere damit belästigen zu müssen. Da kommt das Netz ins Spiel. Dort vervielfältigt sich derlei Verhalten unkontrolliert.

Ein Cartoon von Wolfgang Ammer
Ein Cartoon von Wolfgang Ammer

Selbstverständlich muss dem Einhalt geboten werden. Aber wie? Darüber zerbrechen sich seit Langem viele Menschen den Kopf. Der von der Regierung nun in Begutachtung geschickte Gesetzesentwurf zur Registrierungspflicht ist nach Meinung der meisten Fachleute ein Schritt in die falsche Richtung. Außerdem ist das Posten unter Pseudonym (das grundsätzlich möglich sein sollte) oft gar nicht mehr das Hauptproblem.

Viele Anwürfe kommen heute mit offenem Visier, also mit Klarnamen und voller Anschrift. Wie man sich zumindest dagegen wehren kann, hat ein Redaktionskollege kürzlich vorbildhaft gezeigt. Er war - u.a. in Mails - mit Ausdrücken bedacht, nein, angegriffen worden, die eindeutig das Ausmaß des Tolerierbaren überschritten.

Also schrieb besagter Kollege - in höflichem, aber bestimmtem Ton - an die ihn Beschimpfenden, dass er diese Vorgangsweise nicht dulden werde, da sie nach gängiger Rechtsauffassung den Tatbestand der Beleidigung nach §115 des StGB erfüllten. Er schlug ihnen aber - als Alternative zu einer Klage - eine außergerichtliche Vorgangsweise vor: Und zwar sollten sie sich einerseits bei ihm (und dem Personenkreis, an den die Mails gingen) entschuldigen - und andererseits, als Art tätige Reue, eine Spende in der Höhe von 250 Euro an das Rote Kreuz oder die Caritas überweisen. (Als Nachweis genügte ihm ein Scan des Kontobelegs.)

Und siehe da: Die zuvor so Aufgebrachten entschuldigten sich - und zahlten (zwar lieber ans Rote Kreuz als an die Caritas, aber immerhin)! Einer schrieb: ". . . ich habe daraus gelernt, VORHER ZU DENKEN. UND NACHHER ZU SCHREIBEN." Na bitte, geht doch.