Eigentlich bin ich kein Sprachpurist. Im Gegenteil, ich finde diese Leute, die sich zum Beispiel im Verein Deutsche Sprache zusammenfinden und dann regelmäßig besorgte Mahnmemoranden veröffentlichen oder den "Sprachpanscher" des Jahres küren, furchtbar. Überall wittern sie Verfall, Schluderei und schlimme Einflüsse des bösen Englischen.

Aber so ist das halt mit der Sprache: Sie ist ein lebendiges Gebilde, ständig in Veränderung begriffen, weil Millionen sie sprechen, mit opulenten Wortbildungsmöglichkeiten ausgestattet, nicht wählerisch, wenn’s um die Integration neuer Wörter geht (googeln, twittern, whatsappen). Und wer aus lauter Deutschseligkeit lieber Klapprechner statt Notebook oder Nachsteller statt Stalker sagt, soll das meinetwegen tun.

Aber sich bitte nicht wundern, wenn keiner ihn versteht. Ja, es gibt all diese überflüssigen Anglizismen wie den Meeting-Point und lächerliche Werbeslogans wie "Adidas is all in" (was auch immer das heißen mag) oder "Best never rest" (die deutsche Fußballnationalmannschaft bei der WM 2018, bei der sie aber schon recht bald eine Rast einlegen durfte), aber davon geht die Sprachwelt wahrlich nicht unter.

Eine gewisse Allergie hege ich allerdings gegen Modewörter, die plötzlich rauf und runter dekliniert werden und in so ziemlich allen Kontexten Verwendung finden. "Modus" zum Beispiel. Politiker etwa sind angeblich ständig im Angriffs- oder im Verteidigungsmodus. Um 22 Uhr wird auf Schlafmodus geschaltet, und wenn ich meine Schlüssel wieder mal nicht finde, muss ich schnell mal auf Suchmodus umstellen.

Ich will aber kein technisches Gerät sein mit irgendeinem Knopf links hinterm Ohr, mit dem ich meine Lebensmodi regeln kann. Und Vorsicht: Im Grantmodus ist mit mir nicht gut Kirschen essen. Auch bei "affin" jagt es mir Sprachschauer über den Rücken: internetaffin, technikaffin, kulturaffin. Neulich hörte ich gar jemanden sagen, er sei ÖVP-affin. Kein Wunder, denn Sebastian Kurz hatte vermutlich schon früh eine Kanzleraffinität.

Ganz schummrig jedoch wird mir beim "Gänsehautfeeling". Jeder zweite Sportreporter beschwört freudestrahlend dieses Gefühl, das eigentlich der Kälte oder der Angst geschuldet ist. Besonders pervers wird es, wenn im Zusammenhang mit Trauerfeiern, etwa für Terroropfer, davon die Rede ist. Ich möchte gar nicht wissen, wie eine Gans sich fühlt, der die Federn ausgerissen wurden, aber toll dürfte das nicht sein. In Brasilien wird übrigens noch ein alter deutscher Dialekt gesprochen, das Hunsrückische. Dort heißt die Gänsehaut Hinkelshaut. Vom "Hinkelshautfeeling" schwärmt dort aber garantiert niemand.