Severin Groebner ist Kabarettist, Autor und Gründungsmitglied der "Letzten Wiener Lesebühne". Sein neues Buch mit zahlreichen Kolumnen (unter anderem auch aus der "Wiener Zeitung") heißt "Lexikon der Nichtigkeiten" und ist im Satyr-Verlag (Berlin) erschienen.
Severin Groebner ist Kabarettist, Autor und Gründungsmitglied der "Letzten Wiener Lesebühne". Sein neues Buch mit zahlreichen Kolumnen (unter anderem auch aus der "Wiener Zeitung") heißt "Lexikon der Nichtigkeiten" und ist im Satyr-Verlag (Berlin) erschienen.

Wichtig ist für Österreich, welchen Platz die heimischen Damen und Herren im internationalen Vergleich des Bergerl-owe-rutschen (vulgo Skifahren) belegen. Freude würde sich auch ausbreiten, wenn die Fußballnationalmannschaft einmal etwas reißen tät (aber das ist utopisch, ich weiß). Und wenn "wir" alle 50 Jahre einmal den ESC gewinnen, dann füllt sich das Heimatherz auch mit so etwas wie Stolz auf "unsere" männliche Madonna. Andere internationale Platzierungen werden mit weniger Aufmerksamkeit begleitet.

So belegt Österreich den 78. Platz bei der Bevölkerungsdichte (am Freitagabend wahrscheinlich sogar ein höheres Ranking, weil da normalerweise große Teile der Bevölkerung noch dichter sind als sonst - aber das ist nur eine Vermutung). In der alphabetischen Ordnung der Autokennzeichen sind wir sogar mit unserem A auf Platz eins. Glück gehabt, mit dem Ö wären wir viel weiter hinten gelandet. Und im gerade veröffentlichten Bericht von "Reporter ohne Grenzen" über die Pressefreiheit liegen wir auf dem
16. Platz. Fünf Plätze schlechter als voriges Jahr.

Freilich eine Platzierung, von der die Nationalmannschaft in der Fußballweltrangliste nur träumen kann. Dennoch würde das Downsizen einer internationalen Schulnote von "gut" auf "ausreichend" in anderen Bereichen wahrscheinlich mehr Staub aufwirbeln. Bei der Pressefreiheit nehmen wir das doch eher mit Metternich’scher Gelassenheit hin.

Ist vielleicht gar nicht so schlecht. Zumindest besser, als wenn der Postler seiner Majestät wieder einmal einen Briefonan aus den Fingern speibt und spekuliert, die "Reporter ohne Grenzen" würden vom Hilton aus in Bentleys durch die Republik fahren und hinter jedem Marterl einen gehängten Journalisten vermuten. Wobei sie die Leuchttürme der Pressefreiheit übersehen täten, die landauf, landab vor jedem Ortsschild stehen und freudig ver-
künden: "Unteroberödbach liest . . ."

Das bleibt uns erspart. Dafür müssen wir hinnehmen, dass Irland und Jamaika jetzt in Sachen Pressefreiheit vor uns liegen. Wir sind zwar auch eine Insel (hat uns ja unser Bundeskanzler schon gesagt und dabei eigentlich einen linkslinken Sozialdemokraten zitiert, der auch einmal Bundeskanzler war), aber wohl keine Insel der Gutinformierten, dafür jedoch eine der Seligen. Und wie heißt es schon in der Bergpredigt so schön: "Selig sind, die da geistlich arm sind; denn das Himmelreich ist ihr. " Man sieht, im christlichen Abendland steht zuviel Information der Seligkeit grundsätzlich im Weg. Fragen Sie einmal den Chef von Ungarn (Platz 87).

Aber man könnte ja Verbesserungen anstreben. Wir wissen ja von der Ballettakademie, was man tun muss, um Weltspitze zu werden: leiden. Dahingehend wäre doch eine staatliche österreichische Journalistenakademie denkbar, in der Lehrer aus Russland (Platz 149) zeigen, wie bei ihnen zuhause Investigativjournalismus funktioniert. Der muss nämlich weh tun. Dem Schreiber.

Und dann applaudiert man begeistert auf den teuren Rängen, weil man so ergriffen ist, wie schön hier nach der Pfeife getanzt wird. Denn letztlich ist ja Pressefreiheit sowas ähnliches wie Ballettunterricht: eine Fußnote.