Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, zum Beispiel: "Das österreichische Deutsch". Jüngst ist bei Amalthea "Österreichisch für Fortgeschrittene" erschienen.  Alle Beiträge dieser Rubrik unter: www.wienerzeitung.at/sedlaczek
Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, zum Beispiel: "Das österreichische Deutsch". Jüngst ist bei Amalthea "Österreichisch für Fortgeschrittene" erschienen.  Alle Beiträge dieser Rubrik unter: www.wienerzeitung.at/sedlaczek

Warum machen Wörter Geschichte? Und wer macht eigentlich Wörter? Unter diesem Motto schreibt Matthias Heine Sprachglossen für die deutsche Tageszeitung "Die Welt". Eine Sammlung dieser lesenswerten Beiträge ist im Verlag Hoffmann und Campe erschienen - der Titel des Buches lautet: "Seit wann hat geil nichts mehr mit Sex zu tun?".

Die Titelgeschichte ist amüsant zu lesen. Matthias Heine knüpft an einen gerichtsnotorischen Fall aus dem Jahr 2015 an. Im Fernsehsender RTL kritisierte die Pornodarstellerin Dolly Buster einen Frührentner, der 40.000 Autofahrer wegen Falschparkens und ähnlicher Delikte angezeigt hatte, mit den Worten: "Das macht den geil!" Der Frührentner verklagte sie daraufhin auf 1500 Euro Schmerzengeld. Der Bezirksrichter wies die Beleidigungsklage ab und argumentierte laut Matthias Heine soziolinguistisch, literaturwissenschaftlich und sprachgeschichtlich.

Soziolinguistisch war, dass der Richter das gesellschaftliche Umfeld der Sprecherin berücksichtigte. Das Wort geil aus dem Munde einer Pornodarstellerin sei keine Herabwürdigung, sondern eine milieubedingte Äußerung. Literaturwissenschaftlich trennte das Gericht zwischen der realen Person Nora Baumbergerová und der von ihr verkörperten Kunstfigur Dolly Buster. Sprachgeschichtlich begründete der Richter das Urteil mit dem Bedeutungswandel von geil.

Beschäftigt man sich mit der Geschichte des Wortes, so stellt sich heraus, dass es sich mehrmals gewandelt hat. Geil geht auf eine indoeuropäische Wurzel ghoilos zurück, sie bedeutete "aufschäumend, heftig, ausgelassen". Im Althochdeutschen konnten damit auch Menschen bezeichnet werden, die "übermütig" oder "überheblich" waren. Später, im Mittelhochdeutschen, waren die Bedeutungen "von wilder Kraft, mutwillig, üppig" vorherrschend. Dann entwickelte sich das Wort zum Gegenteil von "keusch". In einem "Hell-Polierten Laster-Spiegel" von 1681 werden unkeusche Männer drastisch beschrieben: "So heisset es jetzo / Huren-Balg / Schand-Sack / Unflat / geiler Bock / Huren-Hengst / aller Ehr / Respect und Ansehen verliert sich." Die Bedeutung "großartig" ist hingegen ganz jung. Ich erinnere mich, dass wir das Wort in diesem Sinne in den Sechziger Jahren häufig verwendeten. Es war damals ein Ausdruck der Jugendsprache, die Älteren konnte man damit ärgern.

Das alles ließ der Richter in sein Urteil einfließen. Das Wort habe einen Wandel erfahren und sei nicht immer negativ besetzt. Die Beleidigungsklage wurde aber auch deshalb abgewiesen, weil der Frührentner zuvor schon vom Sender RTL eine Entschädigung in Höhe von 400 Euro erstritten hatte.

Matthias Heine hält die Entscheidung des Gerichts dennoch für falsch. Er fügt dem Sachverhalt eine weitere Dimension hinzu, eine psychoanalytische. Dolly Buster habe im Sinne von Wilhelm Reich argumentiert: "Wer nicht genug vögelt, wird zum Nazi. Wenn nicht zum Führer, dann wenigstens zum kleinen Blockwart. In diesem Sinne wollte Buster ganz offensichtlich dem Frührentner unterstellen, er sei nur noch in der Lage, Befriedigung zu erlangen, indem er andere bei der Obrigkeit denunziere." Wilhelm Reich würde dem zustimmen.