Der Auftritt hatte etwas Dekadentes, eventuell sogar Obszönes. Weil ich mir ja immer wieder einmal Autos ausborge, um sie beiläufig zu testen (soweit man In-der-Gegend-Spazierenfahren seriöserweise einen Test nennen kann), wurde ich bei Lexus vorstellig. Das ist quasi die Luxusabteilung des japanischen Automobilgiganten Toyota. Mit dem Modell LC 500 hat diese Marke gerade ein besonders scharfes Gerät im Programm, ein Mittelding aus Sportwagen, Gran Turismo und Flugobjekt, das es sowohl mit einem 5,0 Liter-V8-Triebwerk gibt als auch als 3,5 Liter-V6-Hybrid.

Wer dieses Ding mit eigenen Augen betrachten will, begibt sich am besten in die "Lexus Hall" in Wien-Liesing - ein standesgemässer Auftritt ist bei solchen Carbon-Stahl-Blech-Skulpturen unabdingbar. Und da der LC selbst für Lexus-Verhältnisse eine Luxuskutsche ist, dachte ich vice versa über eine repräsentative Inszenierung nach - und bat einen Freund, mich mit seinem alten Porsche dort abzusetzen. Worum sich der nicht zweimal bitten ließ.

Tatsächlich versinkt man, wenn man dieses Auto - also den modernen japanischen Porsche-Konkurrenten - besteigt, in einem testosterongeschwängerten Traum mit Panorama-Cockpit, Alcantara-Sportsitzen, Mark- Levinson-Soundsystem und barock anmutendem Design-Overkill. Die Mär geht um, dass Firmenchef Akio Toyoda dieses Modell entwickeln ließ, weil man ihm bei einer Pressekonferenz vorgehalten hatte, dass Lexus zwar eine noble, aber doch sehr langweile Produktpalette pflege. Das wollte der nicht auf sich sitzen lassen - und ließ seiner Entwicklungsabteilung freien Lauf. Was herausgekommen ist, ist wahrscheinlich das beste Auto, das ich je fahren durfte. Aber zugleich eventuell auch jenes, das mir am meisten Kopfzerbrechen verursacht hat.

Warum? Weil es ganz klar für die Vergangenheit steht. Okay (ich fuhr ja das nominell schwächere Hybrid-Modell LC 500h): für die Gegenwart. Und diese Gegenwart ist eindeutig eine Zeitenwende. Die Problemlage in puncto Klimawandel und Umweltschutz schlägt erstmals, obwohl seit Jahrzehnten bekannt und präsent, wirklich massiv ins Kontor. Ein egozentrisches Herausschwindeln ist in einer Situation, wo das Überleben der Menschheit zur Disposition steht, nur mehr den allerhärtesten Ignoranten möglich. Jetzt wird ein Lexus mehr nicht den Planeten ins Taumeln bringen (zumal der LC nur in geringen Stückzahlen gebaut wird), aber Fahrzeuge wie dieses sind zum Fanal mutiert. "In Berlin würde das Ding brennen", schrieb mir ein Freund auf Facebook. Das wäre freilich die dümmste aller Lösungen, auch ökologisch.

Aber guten Gewissens kann man sich damit nicht einmal mehr in Millionärszirkeln, abgeschottet vom Lärm der Welt, sehen lassen. Was ich partiell schade finde, repräsentiert doch solch ein Luxuscoupé allerhöchste Automobilbaukunst. But the times, they are a-changin’. Schon auf dem Beifahrersitz des klassischen Porsche schwante mir, dass wir möglicherweise die Letzten einer aussterbenden Rasse sind. "Die Ikonen der industriellen Kultur des 20. Jahrhunderts haben als Statussymbol ausgedient", konstatiert auch die "Neue Zürcher Zeitung". Die Jugend hat daran kein (oder kaum) Interesse mehr. Insofern verbeuge ich mich vor dem LC 500. Und warte gespannt auf die Lexus-Zukunftsentwürfe.