Holger Rust, geboren 1946, ist Publizist und Professor für Soziologie in Hannover.
Holger Rust, geboren 1946, ist Publizist und Professor für Soziologie in Hannover.

Über diese Gruppe, die sich montags immer zum Kartenspiel versammelt, Sie erinnern sich, und daher keine Zeit für Facebook und ähnliche Kindereien hat, berichtete ich, dass neben dem Kartenspiel noch seriösere Freizeitaktivitäten stattfänden, von denen ich eine kurz schildern will.

Der Anlass ist, dass ich wieder einmal eine dieser Kochsendungen verfolgt habe, in denen irgendwelche Super-Chefs derart unglaubliche Kreationen auf den Teller bringen, dass sie zum Anrichten eine Pinzette benötigen und dabei wie Entomologen winzige Käfer auf der riesigen Wiese winzige Anordnungen von Zutaten auf dem Riesenteller beäugen.

Wir nun wollen einfach essen, und doch anspruchsvoll. Das soll heißen, wir suchen die einfache Küche in der klassischen Literatur einer Zeit, in der es noch keine Kochsendungen gab, und kochen das nach. Dazu wird dann die entsprechende Passage verlesen, wie zum Beispiel diese, die ich für ein Treffen auserkor. Es handelte sich um das "Risotto nach Urväterart", das Carlo Emilio Gadda in seinem Buch über die "Wunder Italiens" beschreibt. Ein Gericht, zu dem unterhaltsam präzise Anweisungen und eine klare Warenkunde ausgebreitet werden: Vialone-Reis ("hier und dort Reste der abgeschälten Samenhülle . . . wie von einem zerschlissenen Gewand, nussbraun oder in der Farbe von Schweinsleder, aber hauchfein"), Butter aus Lodi in der Lombardei, Rinderfonds, gekocht mit Sellerie, Rindermark statt Olivenöl, Safran (von "Carlo Erba aus Mailand in versiegelten Döschen") und Rotwein! So entstehe ein Gericht, von dem jeder noch lange träumen werde, serviert "vom dienstbeflissenen Aufwärter, der nach erfolgtem Mahl, nach beendigtem Fest, gebührend belohnt wird".

Dieses Versprechen erwies sich im besagten Netzwerk als unzutreffend. "Das ist kein Vialone", sagte einer der Auskenner, "das ist Arborio". So könne man den Originalgeschmack gar nicht rekonstruieren. Dass Vialone heute häufig durch Arborio oder Carnaroli ersetzt werde, ließ man nicht gelten. Auch nicht die Butter: "Wie kommst du an Butter aus Lodi?"

Darauf konnte ich nur antworten, dass, wenn Gadda die Butter aus Niederösterreich gekannt hätte, auch die in die Auswahl einbezogen worden wäre, was natürlich sehr spekulativ ist. Der Safran? "Den Laden gibt es doch gar nicht mehr, oder?" Und außerdem wären ja wohl auch die Rinder anders genährt worden als heute. Was zum Fazit führte, dass wir wohl gar nicht das Gadda-Gericht auf dem Teller hätten, sondern eine "Interpretation"! Ein Wort, das bei solchen Anlässen keineswegs als Kompliment gilt.

Schweigend aß man bis zum nächsten Einwurf: "Aber du hast schon eine Kupferkasserolle benutzt?" Nein, aber Gadda lässt auch Aluminium zu. Das weitere Verhör über Indizien ("Buchenholzkochlöffel?") überging ich einfach, um den üblichen Schluss solcher Sitzungen abzuwarten: "Ist noch was da?" Natürlich war noch was da. Ich kenn die doch.