Familien haben halt so ihre Geheimnisse. Aber dass auch meine eines hat, das hätte ich wirklich nicht von ihr gedacht. (Ob ich jetzt meinen Nachnamen ändern muss?)

Oder eigentlich hab eh nur ich dieses Geheimnis (okay, nimmer lang, schließlich bin ich grad dabei, es zu lüften) und das hab ich anscheinend dermaßen gut gehütet, dass ich sogar selber nix davon gewusst habe. Drum war das, was ich da unlängst erfahren habe, natürlich ein ziemlicher Schock für mich. Außerdem bin ich eine Frau. Und so einer kann das doch überhaupt nicht passieren, oder? (Na ja, einer, die früher einmal ein Mann gewesen ist, schon.) Offenbar hab ich also eine Tochter. Was ein Wunder ist. Weshalb ich kurz davor bin, wieder in die Kirche einzutreten. Wie der Bundespräsident. (Äh, der hat rausgefunden, dass er eine ledige Mutter ist? - Nein, vermutlich nicht.) Die Jungfrau Maria war ja wenigstens vorher schwanger. Und ein Mann war ich ebenfalls nie. Wobei: Wer eine Tochter so komplett vergisst (und nicht einfach im Geschäft, auf dem Spielplatz oder an der Raststätte, weil man seine ganzen Kinder lediglich nicht durchgezählt hat), der kann sich vielleicht genauso wenig an eine Geschlechtsumwandlung erinnern.

Vorerst hat meine Tochter freilich bloß der Paketzusteller gesehen. Der hat allerdings keine brauchbare Personenbeschreibung abgeben können: eine "junge Dame" eben. Unten bei den Postkastln ist er ihr begegnet. Als er gerade ein Packl für mich in der Postempfangsbox deponiert hat. Jedenfalls hätte ihn plötzlich "meine Tochter" angesprochen. Ob er nicht die Box noch einmal aufsperren und ihr das Paket rausgeben könne. Konnte er. Ohne Unterschrift, ohne DNA-Test. (Die "junge Dame" hat mir wahrscheinlich sehr ähnlich geschaut.) Und weg war sie. Mit meinem Packl. Dabei hätte ich so viele Fragen an sie gehabt. Wie sie heißt, wo sie denn die ganze Zeit gewesen ist, ob sie gut in der Schule ist (Leseschwäche hat sie zumindest keine; den Adressaufkleber hat sie sogar durchs geschlossene Metalltürl lesen können, weil wie hätte sie sonst wissen können, wessen Tochter sie ist?), ob sie hoffentlich gegen die Masern geimpft ist (und mich nicht mit denen anstecken kann, weil ich nämlich nicht geimpft bin) und: Was sie mit meinem Bluserl vorhat. Weil zum Fladern hab ich sie bestimmt nicht erzogen. Eh nicht. Ich hab sie gar nicht erzogen. Aber in Zukunft werde ich andere Saiten aufziehen. Wenn die junge Dame heimkommt, kriegt sie Hausarrest. Basta. Und wenn sie die Bluse nur ausgeborgt hat? Um sie hübsch einzupacken, und am Muttertag steht sie damit (und mit einem selbstgemachten Frühstück) vor meiner Tür und sagt ein Gedicht auf? (Ach, solange sie mir keinen Aschenbecher töpfert und ich zum Rauchen auch noch anfangen muss, weil ich sonst eine Rabenmutter bin, die das eigenhändig zusammengeschusterte Artefakt ihres Nachwuchses nicht zu würdigen weiß . . .)

Hm. Und wenn sie nimmer auftaucht? Ich sollte vorsorglich eine Vermisstenanzeige bei der Polizei machen. Nein, besser bei der Julia Leischik: "Julia Leischik sucht: Bitte melde dich!" (Und bring meine Bluse mit.) Tja, oder ich kontaktiere den Versandhändler. Wegen einer Paketnachforschung. Irgendein weiterer Fetzen zum Anziehen ist mir also wichtiger als meine einzige Tochter? Ich sollte echt nicht noch mehr Kinder kriegen.