Erich Kästner beschreibt in seinem Roman "Fabian" eine Szene, in der ein junger Redakteur nicht weiß, wie er einen weißen Fleck auf einer Zeitungsseite füllen soll. Der Chefredakteur erfindet spontan eine Meldung über Straßenkämpfe mit vielen Toten in Kalkutta, die genau in das freie Kästchen passt. Der schockierte Redakteur wird vom Chef darüber aufgeklärt, dass Nachrichten, die nicht oder erst nach langer Zeit überprüft werden können, als wahr gelten.

Diese Geschichte fiel mir ein, als wieder einmal die modische Anklage "Fake News!" erklang. Früher hatte man einfach zu glauben, was in der Zeitung stand. Heute schaut man, wenn einem etwas "spanisch" vorkommt, im Internet nach, was sich dort zu einem Thema findet. Man liest dies, sieht das und macht sich selber einen Reim darauf.

Ein zeitgemäßes Beispiel für die Notwendigkeit, Nachrichten zu überprüfen, liefert der Präsident von Kiribati, der gern bei Klimakonferenzen donnert, sein heimatliches Südseeparadies falle dem Klimawandel zum Opfer. Bevor man allzu traurig wird über diese Aussicht, die übrigens vom "Spiegel"-Redakteur Claas Relotius bestätigt wurde, der bekanntlich nie in Kiribati war und auch sonst einige seiner mit Preisen ausgezeichneten Reportagen im Hotelzimmer erfunden hat, kann man andere Nachrichten darüber lesen. Denn es gibt Leute, die von dem aus 33 Korallenatollen bestehenden Inselparadies berichten, dass mit dem steigenden Meeresspiegel die Korallenriffe um die Inseln höher wachsen, dass also von Untergang keine Rede sein könne.

Dem Leser wächst in dieser unübersichtlichen Lage immer öfter die Aufgabe zu, selber entscheiden zu müssen, wem er Glauben schenkt: dem Präsidenten oder dem Geologen, der das Wachstum der Korallen gemessen hat. Als Leser wünscht man sich bisweilen, dass einem die Entscheidung wahr/falsch jemand abnehmen würde. Das Internet eröffnet jedem die Möglichkeit, sich Gehör zu verschaffen. Googeln Sie "Kiribati geht nicht unter". Sie werden höchst widersprüchliche Berichte finden.

Das Internet ist eine Rosskur für Zeitungen und auch für Zeitungsleser. Im Netz tummelt sich alles Mögliche. Wir Bewohner der echten Welt müssen unser Hirn einschalten. Oft haben wir kaum eine Möglichkeit, wissen zu können, was nun stimmt und was nicht. Deshalb müssten Zeitungen im Grunde von der allgemeinen Unübersichtlichkeit langfristig profitieren. Journalisten fungieren als eine Art Nachrichten-Vorkoster. Sie servieren uns jeden Tag ein Menü, für dessen Qualität sie garantieren. Wenn sie dem Leser allerdings zu oft Verdauungsschwierigkeiten bereiten, bringt das möglicherweise auch ein Siechtum der Zeitungen mit sich.