Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, zum Beispiel: "Das österreichische Deutsch". Alle Beiträge dieser Rubrik unter: www.wienerzeitung.at/sedlaczek
Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, zum Beispiel: "Das österreichische Deutsch". Alle Beiträge dieser Rubrik unter: www.wienerzeitung.at/sedlaczek

Als die Badesaison begonnen hatte, rollte eine Kältewelle über Österreich hinweg. Auf wetter.at konnte man lesen: "Vor einer Woche sperrten die ersten Freibäder auf. Stolz erzählten die Betreiber, dass das Wasser sich schon auf 23 Grad aufgewärmt hat." Dann stellte der Internetredakteur eine kühne Berechnung an: "Morgen, bei Höchstwerten von sieben Grad, wird das Poolwasser etwa dreimal so heiß sein wie die Luft."

Ich habe im Physikunterricht gelernt, dass man so nicht rechnen darf. Nehmen wir an, die Lufttemperatur beträgt zwei Grad, für den nächsten Tag werden vier Grad prognostiziert. Wer würde behaupten, dass es doppelt so warm sein wird? Ein anderes Beispiel: Das Thermometer steigt von acht Grad auf sechzehn Grad. Hat sich auch dann die Temperatur verdoppelt?

Wir messen die Temperatur nach der Celsius-Skala. Der Schwede Anders Celsius hat den Gefrierpunkt und den Siedepunkt des Wassers bei Normaldruck hergenommen und den Bereich dazwischen in 100 gleich lange Abschnitte geteilt, die als Grad bezeichnet werden.

Die Null-Grad-Marke nach Celsius hat also eine physikalische Berechtigung, aber sie ist kein geeigneter Nullpunkt für eine Vervielfachung. Ich bringe noch ein drittes absurdes Beispiel: Die Temperatur steigt von minus zwei Grad auf plus zwei Grad. Ist es dann drei oder vier Mal so warm?

Wenn wir einen absoluten Nullpunkt suchen, müssen wir uns an William Thomson halten, dem späteren Lord Kelvin. Er hat die Temperatur eines Stoffes im Wesentlichen als die Bewegung seiner Teilchen definiert, genauer gesagt: nach ihrer kinetischen Energie. Je weniger sich die Moleküle in einem Stoff bewegen, desto weniger Temperatur hat er. Irgendwann stehen die Moleküle theoretisch still - weniger Bewegung ist nicht möglich, und dieser Zustand markiert für Physiker den absoluten Nullpunkt. Er liegt bei minus 273 Grad Celsius und ist der korrekte Bezugspunkt, wenn man Temperaturen vergleicht.

Doppelt so warm bedeutet doppelt so viel Teilchenbewegung. Ein Physiker hat im Bayerischen Rundfunk, zum selben Thema befragt, festgestellt: "Wenn man die Bewegung der Teilchen eines Stoffes, der 20 Grad Temperatur besitzt, verdoppelt, entsteht auf der Celsius-Skala eine Temperatur von 313 Grad. Denn schon 20 Grad Celsius sind, in Bewegung der Teilchen gerechnet, sehr heiß, nur gibt das die Celsius-Zahl nicht wieder." Die Temperaturskala nach Celsius lässt sich also nicht wie ein Maßband anlegen. Wenn das eine Haus 50 Meter hoch ist und das andere 100 Meter misst, dann ist das zweite doppelt so hoch wie das erste. Bei der Celsius-Skala funktioniert das nicht.

Die Information auf wetter.at hätte also lauten müssen: "Der Temperaturunterschied zwischen Poolwasser und Luft wird 16 Grad betragen." Darunter kann sich jeder etwas vorstellen.

Die Kelvin-Skala wird übrigens in wenigen Tagen, nämlich am 20. Mai, neu definiert. Dann ist Kelvin unabhängig von Materialien und Normalen und hängt über das Joule von den ebenfalls über Naturkonstanten definierten Basiseinheiten Meter, Kilogramm und Sekunde ab. Auf unser Kälte- und Wärmeempfinden wird das freilich keinen Einfluss haben.

Robert Sedlaczek ist
Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, jüngst ist bei Amalthea "Österreichisch für Fortgeschrittene" erschienen.