Eigentlich sollte ich, während ich diese Zeilen in den Laptop tippe, in einem Auto sitzen und gen München flitzen. Als Beifahrer des österreichischen Parade-Unternehmers Heinz Lichtenegger, der einmal mehr einen großen Auftritt auf einer dort stattfindenden Messe hat. Aus Gründen. Für Unterhaltungselektronik- und HiFi-Fetischisten ist die "High End München" - mittlerweile die größte einschlägige Veranstaltung europaweit - das Elysium schlechthin. Mehr als 500 Aussteller präsentieren ihre Neuheiten, von modischen Retro-Röhrenverstärkern bis zu State-of-the-Art-Netzwerkspielern. Wer Rang und Namen haben will im Audio-Sektor, muss dort vertreten sein. Das gilt auch für Journalisten. Aber ich habe mich entschlossen, erst morgen geruhsam mit dem Zug anzureisen. Da lässt sich’s gemütlich arbeiten, während man einen Tee schlürft.Was mir Heinz Lichtenegger erzählt hätte während der Autofahrt (da bin ich mir sicher), hat er nämlich schon vorab über befreundete Medien und PR-Kanäle verbreiten lassen. Insofern hätte ich wenig Neues erfahren. Allein in der Emotionalität des Vortrags, vermute ich, wäre doch eine erhöhte Dringlichkeit spürbar geworden. Die Sache ist nämlich die: Lichteneggers Firma Pro-Ject ist mit Plattenspielern groß geworden. Und zwar zu einer Zeit, als niemand mehr auch nur einen Pfifferling auf Schallplatten und die dazugehörigen Abspielgeräte setzen mochte. Ich erinnere mich an ein Interview, das ich 1991 für "profil" mit dem Weinviertler Entrepreneur geführt habe - Lichtenegger sah Licht am Ende des (Digital-)Tunnels, wo andere nur eine Sackgasse orteten.

Freilich: Dass das gute alte Vinyl mit einer derartigen Vehemenz auferstehen sollte - der Marktanteil am österreichischen Musikmarkt beträgt heute knapp unter zehn Prozent - bedurfte visionärer Durchhaltekraft. Heute ist Pro-Ject der global größte Plattenspielerhersteller, hat eine beeindruckende Firmenzentrale nahe Mistelbach errichtet und befindet sich ungebrochen in der Offensive.

Aber die Konkurrenz wird härter. Mittlerweile baut jeder namhafte HiFi-Hersteller wieder eigene Plattenspieler - wenngleich einige auch im Pro-Ject-Werk in Litovel in Tschechien fertigen lassen. Andere lagern gleich nach China aus. Die Preise gehen in den Keller. Und das stößt Lichtenegger sauer auf. Seine neuen Modelle T1, X1 und X2 wertet er als Kampfansage an alle, die er wortwörtlich der Fabrikation von Mogelpackungen bezichtigt. "Es gibt einen deutlich hörbaren Unterschied zwischen einem qualitativ hochwertigen Motor, der das Zehnfache eines nur äußerlich ähnlichen Modells kostet, und einer Billig-Kopie. Das müssen wir unseren Konsumenten vermitteln." Keine Hohlräume! Kein Plastik! Europäische Handarbeit! Im Fachmagazin sempre-audio.at legt der Firmenchef nochmals nach: Auch bei einem Lifestyle-Produkt für Einsteiger dürfe die ureigenste Aufgabe nicht in den Hintergrund rücken.

Gut gebrüllt, Löwe! Weil aber auch Lichtenegger nur mit Wasser kochen kann und die Konkurrenz nicht flächendeckend auf der China-Nudelsuppe dahergeschwommen ist, packe ich jetzt den Koffer für München. Notizblock inklusive.