Hans-Paul Nosko, geb. 1957, lebt als Journalist und Glossist in Wien. - © Robert Newald
Hans-Paul Nosko, geb. 1957, lebt als Journalist und Glossist in Wien. - © Robert Newald

Die Bilder der Impressionisten haben mich seit meiner Jugend begeistert. Als ich vor einigen Monaten die Monet-Ausstellung in der Albertina sah, beschloss ich, in die Normandie zu fahren und einige der Motive zu suchen, die Monet gemalt hatte. Mit einem guten Dutzend Farbkopien aus dem Ausstellungskatalog machte ich mich auf die Reise. Meine erste Station war Honfleur.

Die schmale Straße, die Monet dort im Jahr 1866 verewigt hatte, existiert heute noch, einige der Häuser sind durchaus wiederzuerkennen. Ein Bewohner fragte mich zwar interessiert, was ich hier so eingehend betrachte, der Name Monet sagte ihm jedoch nichts. Weiter ging’s nach Étretat. Die berühmten Felsen sehen noch immer so aus wie auf den berühmten Bildern, der eine oder andere Stein mag wohl abgebröckelt und ins Meer gefallen sein.

Auch an der Westfassade der Kathedrale von Rouen hat sich nichts geändert. Monets extravagante Farbgebungen waren natürlich nur mit den Augen des Künstlers wahrnehmbar - ich sah die Kirche weder im strahlenden Sonnenlicht noch in der Dämmerung, sondern an einem Nachmittag, an dem sich immer wieder Wolken vor die Sonne schoben. Das waren genau die Verhältnisse, die den Maler immer wieder an den Rand der Verzweiflung trieben, weil sie seinen innigsten Wunsch verunmöglichten: die Wirkungen des Lichts auf seine Sujets im Moment des Malens einzufangen. So schnell konnte selbst ein Genie wie Monet gar nicht pinseln, als dass er "den entscheidenden Augenblick" hätte einfangen können.

Hauptziel und Höhepunkt meiner Reise war natürlich Giverny: Das Haus, in dem der Künstler mehr als vierzig Jahre lang gewohnt hatte, und die Gärten ringsum. Hier war richtig viel los: Zahllose Chinesen, Japaner und Amerikaner, die die Wege und Alleen bevölkerten, immer wieder sich selbst und einander fotografierten.

Trotzdem bot sich dem Auge eine wahre Wunderwelt: riesige Beete mit Blumen in zahllosen Farben, hohe Bäume, schmale Kanäle, die japanische Brücke und der berühmte Seerosenteich. Zumeist regnete es, ab und zu kam die Sonne hervor. Unwillkürlich stellte ich mir den ehemaligen Hausherrn vor, der vielleicht gerade aus dem Malerhimmel auf sein Anwesen blickt und versucht, dieses Durcheinander auf der Leinwand festzuhalten.

Im Blick einerseits das ihm wohlbekannte Haus samt Garten, mittendrin eine sich permanent bewegende Masse fremder Menschen, all das gestört durch ständig sich verändernde Wetter- und Lichtverhältnisse. Völlig unmöglich, das Ganze im Moment des Betrachtens zu malen, einfach zum Verrücktwerden. Es ist leicht möglich, dass das Gemälde schließlich so ausgesehen hätte wie eines von Monets letzten Bildern von der japanischen Brücke: ein Gewirr von vielfarbigen Tupfern und Linien, scheinbar ohne Struktur, nur für den Maler selbst als sein Motiv wiederzuerkennen.

So etwas wäre das perfekte Abbild dieses Moments geworden.