Der Nachbar ist viel zu freundlich, sagen sie uns gleich beim ersten Besuch im Schrebergarten. Quasi als Anleitung zum Aufpassen. Weil viel zu freundlich ist die ultimative Drohung im Grünen von Wien. Viel zu freundlich bedeutet Mensch gewordene Überwachungskamera im Nebengarten. Viel zu freundlich heißt, einen Fehler machen und der zapft deine Wasserleitung an. Was meinst du, warum wir letztes Jahr so eine hohe Rechnung hatten? Ich hatte mich auf Garteln im Grünen gefreut. Nun überlege ich den Abschluss einer Rechtsschutzversicherung. Noch bevor ich die Kaninchen kaufe. Man weiß nämlich nie.
Dr. Daniel Gottlieb Moritz Schreber (1808 – 1861) hat nicht nur das diätetisch-orthopädische Konzept für körperliche Ertüchtigung entwickelt, also die Mutter aller
Schrebergärten geschrieben, sondern nebenbei auch mechanische Geradhalter für korrekte Sitzhaltung entwickelt und seltsame Geräte, die Kinder davon abhalten sollten, sich nachts an unsittlichen Körperstellen zu berühren. In besonders hartnäckigen Fällen hat Dr. Schreber Axthauen und Sägebewegungen empfohlen, dazu kalte Sitzbäder am Abend. Tja, blöd wenn man Internetempfang im neuen Garten hat. Da erfährt man Dinge, die man eigentlich gar nicht wissen will.
Von 12 Uhr 30 bis 14 Uhr 30 ist absolute Mittagsruhe in der ganzen Anlage. Das stelle ich mir sehr schön, aber auch sehr seltsam vor, weil jetzt ist es weit nach 16 Uhr und außer dem viel zu freundlichen Nachbarn hinter mir, der schon dreimal hergegrüßt hat und anscheinend immer noch nicht begreift, dass wir ihn auf keinen Kaffee einladen werden, außer dieser bunt gekleideten Störung der Sonntagsruhe kann ich weit und breit keine Menschenseele sehen. Ich drehe mich um. Noch mehr Ruhe geht gar nicht, meine ich. Das schaue ich mir demnächst beim Mittagessen an.
Die Kaninchen habe ich schon wieder verworfen. Außer zu Ostern brauchst du die Viecher eh nicht. Besser ein Insektenhotel bauen. Aber bitte nicht mitten Garten. Hinterm Haus beim Nachbarn, sagt meine Frau. Sie hat nämlich auch schon gelernt.