Severin Groebner ist Kabarettist, Autor und Gründungsmitglied der "Letzten Wiener Lesebühne". Sein neues Buch mit zahlreichen Kolumnen (unter anderem auch aus der "Wiener Zeitung") heißt "Lexikon der Nichtigkeiten" und ist im Satyr-Verlag (Berlin) erschienen.
Severin Groebner ist Kabarettist, Autor und Gründungsmitglied der "Letzten Wiener Lesebühne". Sein neues Buch mit zahlreichen Kolumnen (unter anderem auch aus der "Wiener Zeitung") heißt "Lexikon der Nichtigkeiten" und ist im Satyr-Verlag (Berlin) erschienen.

Man frage nur Eltern, ob das mit den Kindern denn nicht anstrengend sei, dann kriegt man zu 90 Prozent die Antwort: "Ja schon, aber man bekommt ja soviel zurück." Genau. Schmutzwäsche zum Beispiel. Denn jedes System hat so seine eigenen Währungen. Innerhalb einer Familie etwa wäscht man von olfaktorisch interessanten Körperflüssigkeiten durchtränkte Wäschestücke der Kinder, und später - wenn man selbst alt, debil und inkontinent geworden ist - zahlt man in derselben Währung zurück.

Nicht anders in der Demokratie. Da gibt man seine Stimme alle fünf Jahre her. Und zwar nach Gefühl, da sich ja der "gesunde Menschenverstand" viral wie Ebola ausbreitet. Man macht sein Kreuzerl gegen "die da oben". Und bekommt . . . ? Eine neue Regierung aus lauter Leuten, die jetzt selber da oben sind, weswegen sie gegen "die da oben" nichts tun werden und folglich "denen da unten", die sie da erst rauf gebracht haben, auf das Haupt defäkieren. Dann ist oben die Stimmung gut und unten die Stimme weg. Ein ewiger Kreislauf.

Das ist in der Welt der Religion nicht anders. Der Wiener Stephansdom hat zum Beispiel gerade eine Haarlocke des verstorbenen Papstes Johannes Paul II. bekommen. Dieser Papst, der einem alten Witz zufolge 40 Flughäfen am Geschmack erkennen konnte, hat nicht nur in seiner Amtszeit mehr CO2 hinausgeblasen als jeder andere Pontifex, sondern ist auch in Rekordzeit heiliggesprochen worden. Logisch. Er war ja auch ein sehr toller Papst, der Millionen gläubigen Katholiken in Afrika Geburtenkontrolle und den Gebrauch von Kondomen untersagt hat. Es gibt zwar Leute, die meinen, dass sich deshalb Aids und Überbevölkerung ausgebreitet haben, aber was soll’s. Was kümmern uns schon hohe Sterblichkeitsraten in Afrika und abertausende Waisenkinder, die die örtlichen Warlords zu Kindersoldaten heranziehen könnte, wenn wir dafür einen Krakauer Bischof in den Himmel heben können. Und wenn auch die Subsahara-Staaten mit durch Krankheit und Armut zerfallenden familiären Strukturen eine Reihe von "failed states" bilden, die aneinander gereiht wie die Holzperlen auf einem Rosenkranz da liegen, hat der Stephansdom trotzdem von diesem frommen, weitblickenden Mann nun eine Reliquie.

Reliquien sind ja sowas wie die Bitcoins der Religion. Keiner versteht genau, wo sie herkommen, aber jeder will sie haben. Angeblich kann man mit allen Teilen der heiligen Lanze, der Dornenkrone und des Kreuzes Jesu Christi, die über die Katholische Welt verteilt sind, einen mit Stacheln besetzten Zaun um ganz Europa bauen. Vielleicht der Ursprung des Begriffs "Christliches Abendland".

Aber auch andere brennende Fragen bleiben offen: Über den Verbleib der heiligen Vorhaut etwa, des Abfallprodukts der Beschneidung Christi, kann man heute nur noch spekulieren. Im Mittelalter hochverehrt, ist sie heute verschwunden. Der Stephansdom dafür ist sich jetzt sicher, im Besitz einer Locke des Heiligen Karol Woytila zu sein. Man geht vom Haupthaar als Quelle aus. Jetzt stellt sich nur die Frage: Was hat Österreich für diesen großen Schatz hergegeben? Das Passwort des Innenministers? Geben ist schließlich seliger den Nehmen. Amen.

Severin Groebner ist Kabarettist, Autor und Gründungsmitglied der "Letzten Wiener Lesebühne". Sein neues Buch mit zahlreichen Kolumnen (unter anderem auch aus der "Wiener Zeitung") heißt "Lexikon der Nichtigkeiten" und ist im Satyr-Verlag (Berlin) erschienen.

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