Auf meine alten Tag’ mach’ ich doch glatt wieder Radio. Etwas, das ich zwölf Jahre meines Lebens recht intensiv getan habe - zu einer Zeit, als Ö3 noch ein großer Abenteuerspielplatz und kein streng formatiertes "Hitradio" war. Dass ich heute, wenn schon, auf Ö1 zugange bin, ist wohl nicht nur dem Lauf der Zeit geschuldet, sondern auch dem Privileg eines öffentlich-rechtlichen Kultursenders, Themen wirklich auf den Grund gehen zu können. Und es auch zu wollen. Und weil ich in einem "Radiokolleg"-Meeting unvorsichtigerweise angemerkt hatte, man möge doch auch aktuellen, disruptiven Phänomenen seine Aufmerksamkeit widmen und nicht nur der Rolle der Laute in der Barockmusik des
17. Jahrhunderts, steh’ ich nun da und schnippsle an einer Sendereihe zum Thema Streaming herum. Sie können dann Anfang Juni überprüfen, ob dabei etwas Brauchbares herausgekommen ist.

Nun ist Streaming für die Generation Internet fast schon ein alter Hut. Es wird, was den Musikkonsum betrifft, seit dem Vorjahr auch hierzulande mehr Umsatz via Abruf im Internet erzielt als mit althergebrachten, physischen Tonträgern wie der CD und Schallplatte. Tendenz: rasch steigend. Experten führen gern den plakativen Spruch im Mund, Streaming sei "das neue Radio". Darüber lässt sich trefflich streiten, zumal ja das altgediente UKW-Dampfradio auch auf die Entwicklung reagiert, seine Sendungen (oder ganze Sparten-Musiktruhen) ins Netz stellt und "on demand" nachhören lässt. Oder, wie der ORF, darüber nachdenkt, für eigene Kanäle und Plattformen spezifische Inhalte zu produzieren, die eben nicht mehr per Ultrakurzwelle zu empfangen sein werden. Wenn es sich um audiovisuellen Content handelt, will man gar in Konkurrenz mit YouTube, Netflix & Co. treten. Dass das auch eine entsprechende Kriegskasse voraussetzt, sollte man dann bei Gelegenheit der heimischen Medienpolitik flüstern.

Ich fürchte ja, das Ganze ist auch eine Generationenfrage. Die Alten wird man von dem neumodischen Kram nicht überzeugen können, die Jungen basteln sich ihre eigene Lebenswelt (und pfeifen auf noch so gut gemeinte TV-Angebote wie "Magazin 1"). Kehren wir in den Bereich des Musik-Streamings zurück: Was in Schweden möglich war (nämlich der Aufstieg etwa von Spotify), wurde hierzulande weitgehend verschlafen. Aber es gab und gibt immer wieder bemerkenswerte Ausreißer. Mir fällt zum Beispiel der ehemalige ORF-Mitarbeiter Martin Stiksel ein, der mit seinem Dienst last.fm ein früher Vorreiter der Web-Revolution war. Anno 2007 wurde seine Musikplattform um 280 Millionen Dollar an den US-Giganten CBS verkauft - seither ist die Sache leider sanft entschlafen.

Wo spielt die Zukunftsmusik? Die Sache mit der Hörer-Agglomeration weltweit ist wohl gelaufen. Es sind lokale Initiativen wie die sehr spezifischen Dienste ForTunes rund um die Gründer Florian Richling und Christoph Mück oder Legitary (Nermina Mumic, Peter Filzmoser, Günter Loibl), die anno 2019 Aufmerksamkeit verdienen. Sie helfen Kreativen, sich in der schönen neuen Online-Musikwelt zurechtzufinden. Merkbare Lebenszeichen zu setzen. Und Spotify & Co. auf die Finger zu klopfen, wenn die Abrechnungen nicht stimmen. Gut so.