Bob Dylan (77), Steve Hackett (69), Elton John (72) und Giorgio Moroder (79) waren heuer schon da. Das war aber nur der Auftakt - in den nächsten Wochen und Monaten rollt eine Armada an weiteren rüstigen Untoten der Pop- und Rockgeschichte heran: Kiss (auch alle hoch in den Sechzigern, Auftritt am 29. 5.), Phil Collins (68, am 2. 6.), Eric Clapton (74, 6. 6.), Bryan Ferry (73, 7./9. 6.), Rod Stewart (74, 26. 6.), Alice Cooper (71, 16. 9.) und Bands wie Toto, ZZTop oder Foreigner (bei Festivals 28./29. 6.) - sie alle entern die großen Bühnen in Wien und an einigen wenigen weiteren Orten.

Und spielen dort wahre Monstershows, was gar nicht abfällig oder alters-despektierlich gemeint ist, sondern sich mehr auf die zeitliche Ausdehnung ihrer Konzerte bezieht, die oftmals drei Stunden (wie etwa zuletzt bei Elton John in der Wiener Stadthalle) oder auch noch länger dauern können. (The Cure, Headliner beim Nova Rock am 14. Juni, spielen selten unter 200 Minuten am Stück, wobei Sänger Robert Smith mit 60 ja noch zu den Jüngeren der Alten zählt.)

Was sagt uns das? Dass einstige Song- und Alben-Parolen wie "I Hope I Die Before I Get Old" (The Who) oder "Too Old To Rock ’n’ Roll, Too Young To Die" (Jethro Tull) Blödsinn waren, wie nicht zuletzt das Schicksal von deren Urhebern zeigt: Bei den Who haben zwei von vieren recht wohl überlebt (Roger Daltrey & Pete Townshend), die live ebenfalls noch munter herumkrebsen, während Jethro-Tull-Vordermann Ian Anderson, 71, für gar nichts zu alt ist, jedenfalls nicht für seine rustikale Spielart von Rock ’n’ Roll, mit der er heuer noch zu Festivals nach Burg Clam (OÖ) und Eisenstadt anrücken wird.

Die Alten halten das Pop-Geschäft mittlerweile als Einzige finanziell am Laufen, weil sie für ihre satten Shows, die selten peinlich sind (jedenfalls nicht mehr, als sie es im einen oder anderen Falle früher auch schon waren), bei den gemeinsam mit ihnen gealterten Fans noch ordentlich Geld verlangen können. (Ticketpreise von 100 Euro und mehr sind eher die Regel als die Ausnahme; VIP-Packages kosten mitunter über 800 Euro.) Das kann man von Jungen nicht verlangen - schon gar nicht für Konzerte, die manchmal nicht länger als 40 Minuten dauern, da bei frischen Bands oder Newcomern noch kein Repertoire vorhanden ist.

Trotzdem würde ich die Zukunft des Pop keineswegs darin sehen oder hören wollen, dass nur mehr die Altvorderen buchstäblich aufgeigen. Tatsächlich sind die allermeisten von ihnen ja nur mehr live erträglich - auf CD oder im Stream kann man sich das kaum noch anhören. Live geschieht aber mehr als eine Wiedererweckung, es ist eine Verwandlung, wie Michael Allmaier in der "Zeit" kürzlich treffend festgestellt hat: Revivals "variieren das Vertraute, holen es in unsere Gegenwart. Und wir hören es neu, gerade dann, wenn spürbar wird, wie viel Zeit verstrichen ist".

Die wirklich tolle Musik der Gegenwart machen freilich die Jungen, wie etwa die 17-jährige Billie Eilish. Ob sie in 60 Jahren auch noch auf der Bühne stehen wird? - Vielleicht gemeinsam mit dem dann 135 Jahre alten Mick Jagger.