Severin Groebner ist Kabarettist, Autor und Gründungsmitglied der "Letzten Wiener Lesebühne". Sein neues Buch mit zahlreichen Kolumnen (unter anderem auch aus der "Wiener Zeitung") heißt "Lexikon der Nichtigkeiten" und ist im Satyr-Verlag (Berlin) erschienen.
Severin Groebner ist Kabarettist, Autor und Gründungsmitglied der "Letzten Wiener Lesebühne". Sein neues Buch mit zahlreichen Kolumnen (unter anderem auch aus der "Wiener Zeitung") heißt "Lexikon der Nichtigkeiten" und ist im Satyr-Verlag (Berlin) erschienen.

Wer in diesem Land Politik machen will, muss ihn auf seiner Seite haben. Er ist unübersehbar. Das ist sein wichtigster Trumpf. Wenn er da ist, wissen alle im Raum, dass er jetzt da ist. Ob sie wollen oder nicht. Er grüßt nämlich jeden. Seine Feinde besonders herzlich, die Bittsteller besonders kurz, die Geldgeber besonders besonders.

Er ist nur in den seltensten Fällen der Bürgermeister, nie der Lehrer und schon gar nicht der Dorfpfarrer, aber er kennt alle drei sehr gut. Und sie schulden ihm wahrscheinlich was. Vielleicht ist das auch der Grund, warum sie ihm nie laut widersprechen. Höchstens hinter vorgehaltener Hand nach dem Genuss des einen zuvielten Glases geben sie zu, dass sie ganz anderer Meinung sind als er. Aber leider, leider könnten sie nichts tun. Weswegen sie sich auch fürs EU-Parlament aufstellen oder sich von ihm den Ausflug der Jungschar, das neue Dach der Schule oder den Partykeller im Rathaus zahlen lassen. Völlig uneigennützig, versteht sich.

Der Kaiser tut das gerne, lacht, klopft Schultern, streicht über Kinderköpfe, trinkt Achterln, Seidln oder Stamperln und ist überhaupt extrem gut aufgelegt. Wie auch immer er aussieht, ob lang, ob klein, ob dick, ob dünn, ob alt und im Janker oder jung und im Anzug, er ist unerschütterlich guter Laune. Man spürt sie im ganzen Wirtshaus. Manchmal sogar schon draußen vor der Tür. Es dröhnt jovial vor sich hin.

Nur manchmal ist er kaum zu hören. Wenn er mit seinem Assistenten und dem Typen von der Baufirma zusammenhockt, dann ist es ganz leise. Denn dann geht es ums Geschäft.

Dann wird der Abfluss der Kläranlage ins Freibad gelegt, das Biomassekraftwerk neben das Schild "Luftkurort" gestellt und die Schneekanonen mit dem Trinkwasserreservoir aufgefüllt. Ganz unter guten Freunden und noch besseren Bekannten werden hier Aufträge und Geld verteilt, und die Abwässer und Abrechnungen lässt man gemeinsam in ungeklärten Umständen versickern. So läuft es hierzulande nun einmal. Und der Dorfkaiser schaut drauf, dass alles so bleibt. Unter der Tuchent.

Was aber, wenn die rabiaten Burschen vom Braunbauernhof sich diesmal nicht mit der Hälfte des Gewinns zufriedengeben? Auch nicht mit zwei Dritteln? Wenn sie dem Kaiser im Wirtshaus gegenüberstehen und sagen: "Hurch zua, Kaiser, jetzt tanzt du nach unserer Pfeifn!" Und dann der Kellnerin unter den Rock greifen, wann
immer sie wollen, den Koch aus Ex-Jugoslawien verprügeln und das einzige Kebabstandel im Dorf anzünden. Und warum? "Weil wir jetzt des Sagen haben!", brüllen sie einen an.

Und da hilft dem Kaiser sein
Lachen nicht mehr. Auch nicht sein Kontakt zum Bürgermeister, zum Pfarrer und zum Lehrer. Denn der Bürgermeister ist schon alt, dem Pfarrer haben die Braunbauern die Nase gebrochen, und der Lehrer säuft sich jeden Tag vor Angst im Wirtshaus ins Koma. Was macht dann der Kaiser? Gute Laune zum bösen Spiel. Er grüßt weiter jeden. Vielleicht zieht er sogar einmal eine rote Linie? Mal sehen. Er ist ja der Kaiser.

Und sei er es noch so kurz.

Severin Groebner ist Kabarettist, Autor und Gründungsmitglied der "Letzten Wiener Lesebühne". Sein neues Buch mit zahlreichen Kolumnen (unter anderem auch aus der "Wiener Zeitung") heißt "Lexikon der Nichtigkeiten" und ist im Satyr-Verlag (Berlin) erschienen.

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glossenhauer