Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, zum Beispiel: "Das österreichische Deutsch". Jüngst ist bei Amalthea "Österreichisch für Fortgeschrittene" erschienen.  Alle Beiträge dieser Rubrik unter: www.wienerzeitung.at/sedlaczek
Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, zum Beispiel: "Das österreichische Deutsch". Jüngst ist bei Amalthea "Österreichisch für Fortgeschrittene" erschienen.  Alle Beiträge dieser Rubrik unter: www.wienerzeitung.at/sedlaczek

Am letzten Samstag habe ich per WhatsApp ein witziges Meme bekommen. Zu sehen war ein Porträt des damaligen Innenministers. Sein Blick war resignativ zu Boden gerichtet. Es war eines jener Bilder, bei deren Anblick man sich fragt: Was ist dem über die Leber gelaufen? Das Bild stammte wohl aus einer alten Zeitungsmeldung oder aus einem elektronischen Archiv. In das Foto war in Großbuchstaben ein Text hineingesetzt. Am oberen Rand stand: "That moment when you realize. . ." - und am unteren folgte die Fortsetzung: ". . . you are not invited to party with the boys on Ibiza."

Das Wort Meme steht noch in keinem Wörterbuch, aber das Beispiel zeigt, was darunter zu verstehen ist. Memes bestehen aus Bildern oder Videos, die mit einem prägnanten Text versehen werden und sich im Internet wie ein Lauffeuer verbreiten sollen, vor allem über soziale Netzwerke. Oft beziehen sie sich auf aktuelle Ereignisse oder auf beliebte Serien und Filme.

Wenn ein Meme schon in ein paar Tagen überholt ist, wie in diesem Fall, so stört das den Autor nicht. Ihm geht es darum, prompt ein originelles Statement abzugeben. Manchmal wird es in englischer Sprache verfasst - die Botschaft soll ja geteilt werden und sich in die ganze Welt verbreiten.

In einer puristischen Form besteht ein Meme nur aus Text. Zurzeit würde ich einen leicht verkürzten Satz von Karl Kraus vorschlagen: "Österreich hat durch seine politischen Blamagen erreicht, . . . dass man es endlich einmal nicht mehr mit Australien verwechselt."

Der Begriff Meme geht auf den britischen Zoologen und Evolutionsbiologen Clinton Richard Dawkins zurück. Er wurde 1976 mit seinem Buch "The Selfish Gene" (Das egoistische Gen) bekannt, in dem er die Evolution auf der Ebene der Gene analysierte. In einer Analogie zum englischen "gene" schuf er den Begriff "meme", um das Verbreiten kultureller Informationen zu beschreiben. Von der Internet-Community wurde das Wort aufgegriffen und dazu verwendet, eine bestimmte Art von Bild-Text-Botschaften zu beschreiben. Dawkins meinte später, diese Internetphänomene seien von seinem ursprünglichen Begriff nicht weit entfernt.

Das Wort ist also aus dem Englischen entlehnt, und wie immer stellt sich dabei die Frage, ob der ursprüngliche Ausdruck an das Deutsche angepasst werden soll. Viele meinen, der Singular müsse lauten: das Meme - ganz wie im Englischen. Sie lehnen die eingedeutschte Version ab: das Mem. In Analogie zu Gen wäre diese logisch. Die gleiche Unsicherheit gibt es beim Plural: Einzahl Mem, Mehrzahl Meme? Oder Einzahl Meme, Mehrzahl Memes? Das Wort ist noch nicht kodifiziert, daher heißt es abwarten, was sich durchsetzt.

Nicht jedes Meme ist kurzlebig. Im Internet habe ich ein Portrait des Eddard "Ned" Stark gefunden, des "Lord von Winterfell" aus der TV-Serie "Game of Thrones". In das Foto wurde ein mundartlicher Text montiert: "Ma foahrt neid oafoch . . . ohne Keittn aufn Pötschn." Das könnte die Warnung eines Steirers sein, den Pötschenpass an der oberösterreichisch-steirischen Grenze nicht ohne Ketten in Angriff zu nehmen. Dies aus dem Mund des "Lord von Winterfell" zu hören, ist zweifellos witzig.