Irene Prugger, geboren 1959, lebt als Autorin und freie Journalistin in Mils bei Hall in Tirol.
Irene Prugger, geboren 1959, lebt als Autorin und freie Journalistin in Mils bei Hall in Tirol.

Wahrscheinlich war es mein suchender Blick, der meine potenziellen Beraterinnen und Berater verscheuchte. Jedenfalls waren sie plötzlich verschwunden, wie vom Erdboden verschluckt. Zuvor waren sie noch in der Nähe der Kassa gestanden, vermutlich in ein fachliches Gespräch vertieft, aber als ich auf sie zuging, stoben sie auseinander, als sei ihnen zur gleichen Zeit etwas Dringendes eingefallen oder als hätte ein Alarm zur Flucht aufgerufen.

Hinter hohen Regalen lässt sich gut Verstecken spielen, aber das Suchen ist frustrierend. Ich ging mehrere Male zwischen den Regalreihen mit unterschiedlichen Gebrauchs- und Bauwaren von der Gießkanne bis zur Betonmischmaschine auf und ab, konnte aber noch immer kein Verkaufspersonal entdecken. Irgendwann eilte ein Mann vorbei, in Firmenkleidung.

Auf seiner Jacke war das Logo des Einkaufszentrums zu sehen, aber auf seiner Stirn stand geschrieben: "Bitte nicht ansprechen, bin nicht von hier!" Als ich ihm dennoch nacheilte, um endlich die gewünschte Auskunft zu erhalten, waren wir bereits drei, die ihm auf den Fersen waren. Auf dem kurzen Weg der Verfolgung kam Konkurrenzgebaren auf, wer von uns zuerst das Recht in Anspruch nehmen durfte, bedient zu werden. Unser kleines Gerangel war umsonst, denn der Verkäufer wehrte uns ab, indem er vorgab, bereits mit einem anderen Kunden beschäftigt zu sein. Immerhin vertröstete er uns, er würde sich so bald wie möglich um unsere Anliegen kümmern.

Ich nahm mir vor, ihn nicht aus den Augen zu lassen, aber das vielfältige Angebot an Waren lenkte ab, ein unbedachter Moment, und dann war auch dieser Verkäufer fort. Hier musste irgendwo ein Loch sein, das alle Mitarbeiter verschluckt. Eine Baugrube etwa? Durch beharrliche Ausforschung kam ich dahinter: Eine Tapetentür - und deshalb kaum sichtbar. Hinter ihr brachten sich offenbar alle Angestellten vor unliebsamen Kundenfragen in Sicherheit. Durch die vollkommene Unauffälligkeit sparte man sich die Aufschrift: "Bitte nicht stören" oder "privat".

Solche Tapetentüren sind eine praktische Einrichtung und mit ihrem Tarncharakter offenbar der Politik entlehnt. Die berühmteste Tapetentür in unserem Land befindet sich in der Hofburg beim Bundespräsidenten, aber es muss noch in anderen Regierungsgebäuden welche geben, hinter denen plötzlich ganze Regierungsmannschaften verschwinden.

An diesem Tag besuchte ich noch ein Modegeschäft. Kaum war ich über die Schwelle getreten, eilten zwei Verkäuferinnen auf mich zu und fragten nach meinen Wünschen. "Ich möchte mich nur umsehen", sagte ich, aber die beiden verfolgten mich auf Schritt und Tritt. Hier gab es offenbar keine Tapetentür, hier gab es Rundumüberwachung, vermutlich auch durch Kameras, die alle Verkäuferinnen arg unter Druck setzte. Ich wünschte mir den Mittelweg der guten, unaufdringlichen Beratung - und nahm den Fluchtweg hinaus.