Andreas Wirthensohn, geb. 1967, lebt als freier Lektor, Übersetzer und Literaturkritiker in München.
Andreas Wirthensohn, geb. 1967, lebt als freier Lektor, Übersetzer und Literaturkritiker in München.

Eine der eigenartigsten Erfindungen des Internetzeitalters ist der Liveticker. Nicht nur bei Fußballspielen und anderen Sportwettkämpfen, sondern auch bei Anschlägen, Unglücksfällen und wichtigen Politereignissen erfreut sich dieses Nachrichtenformat zunehmender Beliebtheit.

Die Meldungen dort werden ständig aktualisiert, selbst wenn es gerade gar nichts zu berichten gibt, doch wirklich befremdlich an dieser medialen Form der Atemlosigkeit ist etwas anderes: Denn mit dem Liveticker ist man ja gerade nicht live dabei, sondern bekommt die Geschehnisse immer nur mit einer gewissen Verzögerung und lediglich indirekt, über die Tickerredakteure, vermittelt. Der Liveticker ist, so gesehen, eine Livesimulation - Ausdruck des Wunsches, alles möglichst hautnah mitzuerleben, möglicherweise aber auch ein idealer Schutz vor zu viel Unmittelbarkeit.

Seit Neuestem gibt es sogar "royale Liveticker". Diese Unterart ist insofern praktisch, als man jetzt nicht mehr selbst fähnchenschwenkend am Straßenrand stehen muss, wenn mal wieder königlicher Besuch durchs Land rollt. Dieser Tage waren Charles und Camilla zu Gast in Bayern, und statt mich mit dem Union Jack an harten Absperrgittern zu drängeln, saß ich entspannt vor dem Liveticker, den der Bayerische Rundfunk auf seiner Website eingerichtet hatte: Eine Ehreneskorte der Münchner Polizei - sieben Motorräder in Keilform - holte die beiden vom Flughafen ab, dann gab’s Begrüßung, Bad in der Menge, Bier im Hofbräuhaus, Spargel und Erdbeeren zum Abendessen.

Am nächsten Tag besuchte Charles Bioschweine im Münchner Umland, Camilla eine Mädchenförderinitiative ("Empowerment" heißt das jetzt auf gut Bayerisch), und als die beiden wieder gen Heimat entschwebten, hatte ich mich so an die königliche Begleitung gewöhnt, dass ohne die Dauerberieselung des Tickers eine große Leere und Tristesse über meinen Tagen lag.

Dabei erfreuen blaublütige Regenten gerade allerorten unser monarchisches Herz: der Thronwechsel in Japan, eine schrille Krönungszeremonie in Thailand, der süße Archie (Nr. 7 in der Erbfolge), der ewige Prinz, Hochzeiten sowieso ständig - die Tickeranlässe nehmen gar kein Ende, und ich frage mich, warum noch niemand auf die Idee gekommen ist, einen globalen royalen Dauerticker einzurichten.

Doch um hier keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Mein Interesse am königlichen Treiben andernorts hat nichts mit Neid oder der heimlichen Sehnsucht nach einem wohlwollenden Monarchen auch hierzulande zu tun, sondern ist nichts weiter als royale Simulation. Alles ganz schön, aber um Himmels willen nicht bei uns.