In Italien tu ich mir neuerdings schwer, was das Auswählen einfacher Wirtshäuser betrifft. Früher hat ein kurzer Blick in die Küche genügt. Standen da etwa die Mama oder ein gutgebauter, junger Sizilianer mit feurigen Augen hinterm Herd, dann war alles klar, da brauchte man keinen amerikanischen Geheimtippreiseführer mehr, weil das mit dem Essen, das ging so schon in Ordnung. Heute ist das alles nicht mehr ganz so einfach.

Ich habe eben eine Woche in Venedig verbracht und dabei in drei italienische Wirtshausküchen geschaut. Verwirrende Bilder tauchen auf. In der ersten steht ein indischer Koch vor einem weißen Kühlschrank und isst Salat aus einer durchsichtigen Plastikschüssel. In der zweiten sitzt ein indischer Koch vor einem kleinen Holztischchen und löst Kreuzworträtsel auf. In der dritten Küche sind ein indischer Koch und sein Kollege mit der lokalen Fußballmeisterschaft beschäftigt. Als sie mich sehen, zeigt der indische Koch mit dem Daumen nach links. Sein Kollege sagt Toilet. Quasi wie auf einem Kreuzfahrtschiff.

Das Essen ist jedes Mal gut gewesen. Traditionelle italienische Hausmannskost, angepriesen von traditionellen italienischen Kellnern, ausgeführt von der Globalisierungsindustrie. Kann man sich nicht beklagen. Nur einmal hat ein italienischer Gast unter lauten Flüchen das Lokal verlassen. Der Tintenfisch sei nicht frisch gewesen, meinte er. Der italienische Kellner versuchte noch, ihn zu beruhigen. Den indischen Koch haben sie nicht hergezeigt.

Schön war auch das versteckte Lokal in den Giardini. Da saßen lauter Chinesen am Nebentisch. Es gab Verständnisschwierigkeiten mit dem italienischen Kellner. Der Kellner muss mindestens 80 Jahre alt gewesen sein. Er hatte alles schon erlebt. Österreicher. Hemingway. Ostdeutsche. Auch die Chinesen prallen an ihm ab. Irgendwann hört das Geschnatter auf. Irgendwann wird es ruhig im Lokal. Irgendwann kommt auch bei mir der Rotwein an. Ich weiß nicht, was die Chinesen bestellt haben. Als ich gehe, haben alle auf ihre Handys geschaut. Der Inder in der Küche auch.