Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, zum Beispiel: "Das österreichische Deutsch". Jüngst ist bei Amalthea "Österreichisch für Fortgeschrittene" erschienen.  Alle Beiträge dieser Rubrik unter: www.wienerzeitung.at/sedlaczek
Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, zum Beispiel: "Das österreichische Deutsch". Jüngst ist bei Amalthea "Österreichisch für Fortgeschrittene" erschienen.  Alle Beiträge dieser Rubrik unter: www.wienerzeitung.at/sedlaczek

Und sie haben es wieder getan. Ein deutscher Autovermieter hat ein Mem mit einem Politiker in Umlauf gebracht. Nach Oskar Lafontaine, Gerhard Schröder und Angela Merkel hat es Heinz-Christian Strache erwischt. Neben einem unglücklich dreinschauenden Ex-Vizekanzler ist ein silbergraues Auto zu sehen. Darunter steht in großer Schrift: "Piept, bevor Sie gegen die Wand fahren." Und in Klammer: "Jetzt die Mercedes-Benz A-Klasse mit aktivem Brems-Assistent mieten."

Die Strategie der Wagenverleiher ging auf: Innerhalb kürzester Zeit breitete sich das Mem im Internet aus. Es wurde geteilt, kopiert, gespeichert, gemailt. Aber nicht nur das: Viele Zeitungen machten eine kleine Geschichte daraus und bildeten es ab. Währenddessen wird wohl in der Werbeagentur ein Mitarbeiter die Abdrucke eingescannt und den kumulierten Werbewert errechnet haben: "So teuer wären Inserate in der gleichen Größe gewesen!"

Meme sind unbezahlte Werbung. In Fachbüchern des Marketing finden sich bereits Hinweise, wie damit umzugehen ist. "Die abgebildete Person muss einen hohen Bekanntheitsgrad aufweisen und sofort zu erkennen sein" - das traf bei Strache wohl zu. "Allerdings gilt es in jedem Fall unbedingt das Urheberrecht zu wahren, da man nicht mit eigenem Bildmaterial arbeitet." Es geht um die Rechte des Fotografen und natürlich auch um jene der abgebildeten Person. In Deutschland haben Politiker geklagt - am Ende hat der Bundesgerichtshof, das höchste Zivilgericht, die Klagen abgewiesen. Aber trotzdem sind derartige Werbemethoden eine Gratwanderung. So darf beispielsweise nicht der Eindruck erweckt werden, die abgebildete prominente Person identifiziere sich mit dem beworbenen Produkt. Und die prominente Person darf nicht herabgewürdigt werden. Nur umsatzstarke Firmen können sich einen Rechtsstreit leisten, bei dem sie vielleicht zigtausende Euro für Gerichtskosten und Rechtsanwälte aufwenden müssen.

Wie der Ausdruck Mem - oft auch Meme - entstanden ist, habe ich letzte Woche an dieser Stelle beschrieben. Ich gab die weit verbreitete Meinung wieder, dass der Begriff auf den britischen Zoologen und Evolutionsbiologen Clinton Richard Dawkins zurückgehe, der 1976 mit seinem Buch "The Selfish Gene" (Das egoistische Gen) für Aufsehen sorgte. Nun schreibt mir WZ-Leser Albert Höhenwarter, ein in Innsbruck tätiger Architekt, dass der Begriff schon viel früher geprägt wurde, und zwar von dem Wiener Biophysiker und Kybernetiker Heinz von Förster. Im Jahr 1948 erschien im Verlag Franz Deuticke auf Empfehlung von Viktor Frankl sein Buch "Das Gedächtnis. Eine quantenphysikalische Untersuchung".

Förster ging es vereinfacht gesagt darum, mathematisch-physikalische Methoden beim Studium der Funktion des Gedächtnisses anzuwenden. Gleich auf der ersten Seite heißt es: "In Analogie zu der (. . .) Auffassung, das GEN, den Träger der Erbmerkmale, als Quantenzustand eines Großmoleküls zu deuten, wird hier das MEM, der Träger der Erinnerungsmerkmale, als ein verschiedener Quantenzustände fähiger Mikrokomplex aufgefasst."

Man wird also die Geschichte des Ausdrucks für ein Internetphänomen neu schreiben müssen.

Robert Sedlaczek ist
Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, jüngst ist bei Amalthea "Österreichisch für Fortgeschrittene" erschienen.