Holger Rust, geboren 1946, ist Publizist und Professor für Soziologie in Hannover.
Holger Rust, geboren 1946, ist Publizist und Professor für Soziologie in Hannover.

Ein Foto von 1976, das ich im ebenso sprichwörtlichen wie tatsächlichen Schuhkarton (nicht auf dem Dachboden, sondern in der Garage) entdeckte, zeigt ein Schild an einem Baum auf der Halbinsel Macao und verspricht mit einem in ungelenker Schrift handgemalten Hinweis einen hübschen Blick auf das Festland: "Welcome: From here we can see the nice view of China." Als ich es aufnahm, auf Kodacolor-Film mit heutigen Museumsstücken wie einer Pentax-Spiegelreflex-Kamera und vorgeschraubtem 500er-Tele, wurden gerade die Vorgesetzten jener Nachwuchskräfte geboren, die als Absolventen der Wirtschafts-Unis ab morgen für die Gestaltung der Zukunft verantwortlich sein werden. Sie sollten sich so ein Foto einmal ansehen.

Damals, als der Blick von der Halbinsel Macao hinüber ins Territorium der Volksrepublik offensichtlich eine Sensation für Reisende war, standen drüben nur ein paar Häuser und Schuppen. In Peking gab es schon Staus: Nur waren es Fahrräder, die die Chang’an verstopften, jene heute zehnspurige Avenue, die über den Tiananmen-Platz an der Verbotenen Stadt vorüberführt - Fahrräder, bewegt von Chinesinnen und Chinesen in blauer Uniformierung. Inge Morath, die weltberühmte Fotografin, hat das 1978 in einem ihrer eindrucksvollen Bilder zu dem Zeitpunkt dokumentiert, als die handbemalte Holztafel in Macao noch am Baum hing. Der Titel: "6:30 am, Chang an Avenue, Beijing."

Impression aus Macao im Jahr 1976. - © Rust
Impression aus Macao im Jahr 1976. - © Rust

Heute ist die Stelle, an der der Baum mit dem Schild stand (das übrigens in einem Museum in Hongkong noch zu sehen ist), mit gigantischen Brücken, Hochhausbauten und einem superlativen Aussichtsturm bestückt. Pekings Straßen sind trotz des Ausbaus der Verkehrswege - mittlerweile sechs Ringe um die Innenstadt - nun von Autos so verstopft, dass es nicht mehr gelingt, für ein Meeting in zwanzig Kilometern Entfernung eine auch nur halbwegs verlässliche Uhrzeit auszumachen.

Diese Autos vorwiegend deutscher Premium-Marken werden bewegt von Chinesinnen und Chinesen in Armani und Boss, in Sneakers von Nike und Parkas von Woolrich oder Moncler. Hätte sich das irgendjemand vor gut vierzig Jahren träumen lassen?

Oder die Tatsache, dass China sich an die Spitze der Digitalisierung vorarbeitete und jenen Digitalismus vorantreibt, der heute die Welt und ihre Vorstellungen von der Zukunft in Unruhe versetzt?

Wie wird das alles in wiederum vierzig Jahren aussehen? Zwar sind erste schwache Signale einer seltsamen Entwicklung sichtbar: Immer mehr Fahrräder mischen sich ins Bild - derzeit die einzige Möglichkeit, dem Wahnsinn der Staus nicht nur in Beijing zu entkommen (dort mit Mundschutz natürlich). Solange zumindest, bis die staatlich geförderte E-Mobilität zum Normalzustand wird. Oder etwas ganz anderes, das noch niemand ahnt. Vielleicht malen wir uns ein neues Schild und hängen es an dieselbe Stelle, falls da noch ein Baum übrig ist: "Nichts ist vergänglicher als die Zukunft."