Matthias G. Bernold, geboren 1975, lebt als Journalist in Wien.
Matthias G. Bernold, geboren 1975, lebt als Journalist in Wien.

Manchmal vor dem Einschlafen sortiere ich im Laden meiner Erinnerung die vergangenen Momente. Kurios, wie unser Gedächtnis funktioniert, wie es manches bewahrt und das meiste dem Vergessen zuführt.

Wenn viele Menschen gleichzeitig einen Moment erleben, an den sie sich später erinnern werden, sprechen wir von Geschichte. Massenmedien haben die Kraft, mit ihren Bildern das Gedächtnis von Generationen zu prägen. "Tor! Tor! Tor! I werd’ narrisch!" ist so ein kollektiver Moment. (Vielleicht auch nur, weil er immer wieder bemüht wurde). Auch Diego Maradonas Tor unter Einsatz der "Hand Gottes" fällt mir ein. Kein Mensch, der dieses Tor jemals sah, bekommt es aus dem Kopf. Ein politischer Moment war der Mauerfall. Und todernst: die brennenden Türme des World Trade Center.

Wenn Menschen heutzutage bemerkenswerte Momente erleben, kleiden sie diese oft in sogenannte Meme: Fotografien, Zeichnungen oder Mini-Videos, meist verknüpft mit einem Gedanken oder einem Zitat. Es sind häufig satirische Auseinandersetzungen mit Ereignissen. Sie zeigen Momente an, die vielleicht im kollektiven Gedächtnis hängen bleiben.

Teil des österreichischen kollektiven Gedächtnisses wird vermutlich das "Ibiza-Video" werden: 1.170.000 Treffer erzielt die Google-Suche nach "Ibiza Gate" + "Meme". Der Moment, als zwei Politiker ihre Hosen so weit herunterlassen, bis ihre Wertehaltung sichtbar wird, bildete gutes Rohmaterial. War Ibiza ein Ereignis von primär nationaler Bedeutung, wurde es auf internationaler Ebene von einem weit größeren, wenn auch unpolitischen Spektakel überlagert: dem Finale des TV-Epos "Game of Thrones". Wenn ich die Wörter "Game of Thrones", "Final" und "Meme" in die Suchmaschine tippe, folgen 153 Millionen Treffer.

Die Serie rund den Thronfolgekrieg in Westeros entwickelte sich zum popkulturellen Jahrhundertereignis. Mehr als 30 Millionen Menschen schauten zuletzt - wie es heißt - bei den einzelnen Episoden zu. "Wie findest du die letzte Folge von GoT?" ist ein ziemlich guter Satz, um mit ziemlich vielen Menschen auf der ganzen Welt ins Gespräch zu kommen.

Die Qualität von popkulturellen Phänomenen wie der HBO-Serie ist, dass sie eine gemeinsame Basis schaffen. Das ist eine bemerkenswerte Qualität in einer Zeit, in der immer mehr Menschen getrennt in personalisierten Informationsblasen sitzen und nur noch Neuigkeiten und Unterhaltung bekommen, die ihren Erwartungen entspricht.

Der kleinste gemeinsame kulturelle Nenner, wie ihn vor zwanzig, dreißig Jahren die wenigen TV--Sender schufen, kommt zusehends abhanden. Insofern muss man sich über die großen Ereignisse freuen, die die Kraft entfalten, Erinnerungen zu schaffen, die uns verbinden.