Severin Groebner ist Kabarettist, Autor und Gründungsmitglied der "Letzten Wiener Lesebühne". Sein neues Buch mit zahlreichen Kolumnen (unter anderem auch aus der "Wiener Zeitung") heißt "Lexikon der Nichtigkeiten" und ist im Satyr-Verlag (Berlin) erschienen.
Severin Groebner ist Kabarettist, Autor und Gründungsmitglied der "Letzten Wiener Lesebühne". Sein neues Buch mit zahlreichen Kolumnen (unter anderem auch aus der "Wiener Zeitung") heißt "Lexikon der Nichtigkeiten" und ist im Satyr-Verlag (Berlin) erschienen.

Wer in den vergangenen Tagen die politischen Debatten in Österreich verfolgt hat, wurde wieder einmal
an die grundlegende psychische Verfassung dieses Landes erinnert. Wieder macht sich das "Ohne persönliches Fehlverhalten entsetzlich ramponiert"-Gefühl breit (abgekürzt: O.p.F.e.r). Unschuldslämmer werden so schnell durch das innenpolitische Dorf getrieben, dass man mit dem Scheren gar nicht nachkommt. Vom Schlachten gar nicht zu reden.

Die SPÖ zum Beispiel ist ein Opfer, weil sie aus irgendeinem Grund (man munkelt von mysteriösem Zeug wie "wechselnden Mehrheitsverhältnissen") seit Ende 2017 nicht mehr in der Regierung sitzt. Um zu demonstrieren, dass die Genossen an diesem Verlust leiden wie ein Rehkitz ohne Mutter, haben sie auch Bambi zu ihrer Chefin gemacht.
Wer einmal gesehen hat, wie die ein Mikrofon hält, weiß, wie arm diese Partei der Wiederkäuer ist.

Aber freilich kein Vergleich zur ÖVP, die viel, viel mehr leidet und viel, viel mehr Opfer ist, da sie nach so kurzer Zeit in der Regierung - das waren gerade einmal 32 Jahre - so plötzlich durch einen Misstrauensantrag von der Macht entfernt wurde. So stellen sich bei dem einen oder anderen ÖVP-Funktionär schier unerträgliche Phantomschmerzen ein, wenn er durch dunkle Mächte (man vermutet ein nicht näher beschreibbares Phänomen namens "Parlamentarismus" dahinter) daran gehindert wird, Regierungsgewalt auszuüben. Immer wieder streifen ehemalige ÖVP-Ministerinnen und -Minister mit leerem Blick durch die Parteizentrale und unterschreiben eingebildete Gesetzesvorlagen. Selbst Sebastian "Salvator" Kurz soll schon mehrmals vor seinem Badezimmerspiegelschrank erwischt worden sein. Die Türen links und rechts geöffnet, steht er in der Mitte und - bis in die Unendlichkeit gespiegelt - jubelt sich selbst zu. Der Entzug der Macht kann schwere Schäden hinterlassen.

Wer weiß das besser als das allergrößte Opfer: die freiheitliche Partei. Trotz toller Geschäftsideen fließt kein Geld, die Russin war falsch, die innenministeriellen Pferde sind auf dem Weg zum Abdecker, Odin Wiesinger muss wieder ausschließlich von der Malerei leben, und mit dem Rechtsabbiegen bei Rot wird es auch nichts werden. Selbst Heinz-Christian Strache und Johann Gudenus werden nicht einmal beteiligt an den Einnahmen durch die hervorragenden Klickzahlen! Dem nicht genug, darf die FPÖ auch keine Inserate mehr auf Staatskosten verteilen. Es soll schon Mitarbeiter von "unzensuriert.at" und "Wochenblick" geben, die fürchten, tatsächlich einmal wirklich arbeiten gehen zu müssen. Es sind arme, unschuldige, vom Schicksal, vom Journalismus und von der Demokratie gebeutelte Wesen, die nun traurig in ihren Buden sitzen und an vertrockneten Kornblumen kauen.

So können wir uns sicher sein: Das große "Wer ist ärmer als der andere"-Rennen wird uns die nächsten Monate bis zur Nationalratswahl begleiten. Für tränenreiche Dramatik ist gesorgt. Und zur Feier des Wahlkampfabschlusses wird dann im September das Haus am Ring nach 150 Jahren endlich seinen korrekten Namen erhalten: Österreichische Staatsopfer. Also: Vorhang auf!

Severin Groebner ist Kabarettist, Autor und Gründungsmitglied der "Letzten Wiener Lesebühne". Sein neues Buch mit zahlreichen Kolumnen (unter anderem auch aus der "Wiener Zeitung") heißt "Lexikon der Nichtigkeiten" und ist im Satyr-Verlag (Berlin) erschienen.

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glossenhauer