Hans-Paul Nosko, geb. 1957, lebt als Journalist und Glossist in Wien. - © Robert Newald
Hans-Paul Nosko, geb. 1957, lebt als Journalist und Glossist in Wien. - © Robert Newald

Vor gut fünfzig Jahren verbrachten wir die Sommerferien in Kärnten. Es war das Jahr, das später einer ganzen Generation ihren Namen geben sollte. Im Pariser Quartier Latin waren zwei Monate zuvor die Pflastersteine geflogen, in Wien war es vergleichsweise ruhig geblieben. Am Klopeiner See überhaupt. Ein paar Jahre später sollte zwar genau dort der "Ortstafelstreit" ausbrechen, aber davon war im Juli 1968 noch nichts zu spüren - schon gar nicht für einen Wiener Buben, der gerade einmal die Luft des Gymnasiums geschnuppert hatte und sich vorrangig für Fußball und Schlagermusik interessierte.

Für beides war reichlich gesorgt. In der Tanzbar unserer Hotelpension stand eine Jukebox, und im Speisesaal hing an der Wand neben jedem Tisch ein kleiner Musikautomat mit einer Auswahl heimischer und internationaler Hits. Vor dem Haus erstreckte sich eine - zumindest aus meiner Perspektive - unermesslich große Fußballwiese mit zwei echten Toren, wo ich mit gleichgesinnten Altersgenossen ab und zu Elfmeterschießen übte. Und so verliefen diese Ferien zunächst recht geruhsam: Frühstück, baden, Mittagessen, baden, Abendessen, Quartett spielen, dazwischen Kicken vor dem Haus.

Doch eines Tages kam eine Sensationsmeldung: Auf der Fußballwiese würde ein Match zweier Damenteams stattfinden, Schiedsrichter sollte ein gewisser Erik Schinegger sein. An den Tischen wurde nun viel getuschelt, und meine Eltern erklärten mir den Grund dafür: Schinegger hatte bis vor Kurzem als Frau gegolten, als Erika für Österreich eine Goldmedaille im Abfahrtslauf geholt, war jedoch immer ein Mann gewesen und hatte sich nun operieren lassen.

Das Fußballspiel, zu dem einige hundert Zuschauer gekommen waren, verlief ohne Höhepunkte, danach jedoch ging es hoch her. Alle wollten Schinegger aus der Nähe sehen, ein paar Worte mit ihm wechseln. Viele Hotelgäste baten den "Stargast" um ein Autogramm, auch ich schloss mich an, einen schmalen Rechnungszettel des Restaurants in der Hand. Und da saß er nun vor den Umkleidekabinen, lächelte freundlich, schrieb dutzende Male seinen neuen Vornamen und den gewohnten Familiennamen auf diverse Notizblöcke - und niemand machte sich eine Vorstellung davon, wie es im Inneren dieses Menschen aussah, dessen einzige Leidenschaft Skirennen gewesen waren, und von dem sich Funktionäre ebenso wie Rennläufer peinlich berührt abgewandt hatten.

Ein halbes Jahrhundert später steht Wien im Zeichen der Europride. Eine feine Gelegenheit für die Stadt, Toleranz und Vorurteilsfreiheit zu bekunden. Wie es im Alltag damit steht, soll jeder selbst einschätzen. Insgesamt ist es um die gesellschaftliche Akzeptanz der LGBTIQ-Vertreterinnen und -Vertreter sicherlich besser bestellt als 1968. Eine dümmliche oder gar abfällige Bemerkung habe ich damals von den Hotelgästen allerdings nicht gehört. Und den kleinen Rechnungszettel besitze ich noch heute.