Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, zum Beispiel: "Das österreichische Deutsch". Jüngst ist bei Amalthea "Österreichisch für Fortgeschrittene" erschienen.  Alle Beiträge dieser Rubrik unter: www.wienerzeitung.at/sedlaczek
Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, zum Beispiel: "Das österreichische Deutsch". Jüngst ist bei Amalthea "Österreichisch für Fortgeschrittene" erschienen.  Alle Beiträge dieser Rubrik unter: www.wienerzeitung.at/sedlaczek

Ein Höhepunkt der Fernsehsatireshow "Donnerstalk" war meist der Auftritt von Gunkl - eigentlich heißt er Günther Paal. Der Philosoph unter den Kabarettisten kommentierte sieben Jahre lang als "Experte für eh alles" die Mondlandung, die Inkontinenz oder die Wirtschaftskrise. Auf sein Konto gehen auch witzige Wortkonstruktionen wie "quasimetalinguistisch".

Schon die Formulierung "Experte für eh alles" war ein schöner Witz. Ein Experte ist ein Sachverständiger, eine Fachgröße, ein Kenner
auf einem eng begrenzten Feld.
Als IT-Experte bezeichnet man einen Fachmann auf dem Gebiet
der Informationstechnologie, es
gibt Experten für Steuerfragen,
für die militärische Auf- oder Abrüstung und für die biologische Schädlingsbekämpfung. Ein "Experte für eh alles" ist also ein Widerspruch in sich, eine contradictio in adiecto.

Das Wort Experte geht über das Französische auf das lateinische Wort expertus zurück: erprobt, bewährt. Es ist das verselbständigte Partizip 2 von experiri. Von dem gleichen Stamm gibt es auch andere Wörter, die im Deutschen geläufig sind: Expertise und Experiment. Mit Hilfe der EDV haben Sprachwissenschafter herausgefunden, mit welchem Attribut das Wort Experte meist versehen wird: anerkannt, ausgewiesen, unabhängig. Die häufigsten Verben im Zusammenhang mit "Experte" sind: warnen, raten und streiten. Diese computergenerierten typischen Verbindungen erhellen den Bedeutungsinhalt und geben Aufschluss über die Stellung der Experten in unserer Gesellschaft.

Und jetzt haben wir also eine Expertenregierung, eine Übergangsregierung, die das Staatsschiff lenken soll, bis eine neue Regierung angelobt wird.

Bei genauem Hinsehen merkt man, dass die meisten Fachminister hohe Beamte sind. Ganz Österreich jubelt über die personelle Besetzung, was mich durchaus freut. Der Berufsstand der Beamten wird ja traditionell gering geschätzt, jetzt merkt man, dass viele von ihnen außerordentlich qualifiziert sind. Die Auswahl des Bundespräsidenten Alexander Van der Bellen ist eine gigantische Imagewerbung für die Beamtenschaft.

Dass die Präsidentin des Verfassungsgerichtshofes zur Bundeskanzlerin erkoren wurde und ein ehe-
maliger Präsident des Verwaltungsgerichtshofes zum Vizekanzler, ist eine schöne Pointe, denn diese sind kraft ihrer früheren Tätigkeit tatsächlich "Experten für eh alles", haben sie sich doch mit so gut wie allen Themen befassen müssen, die in der Republik aufs Tapet kommen. Sie sind parteilos, stehen aber weltanschaulich der einen oder anderen Partei nahe. Das muss wohl so sein. Der Bundespräsident hatte bei der Bildung des Kabinetts darauf zu achten, dass seine Regierung nicht gleich durch einen Misstrauensantrag im Parlament zu Fall gebracht wird.

Für mich ist es selbstverständlich, dass auch Juristen und Fachminister eine Gesinnung haben. Die Idee, dass es kluge Menschen ohne Gesinnung gibt, ist eine Chimäre.

Apropos kluge Menschen: In den nächsten Tagen und Wochen ist Gunkl in einigen Wiener Theatern zu sehen: in der Kulisse, im Kabarett Niedermair und im Stadtsaal. Der Titel seines Programms lautet: "Zwischen Ist und Soll - Menschsein halt".

Robert Sedlaczek ist
Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, jüngst ist bei Amalthea "Österreichisch für Fortgeschrittene" erschienen.