Schätzt das geistreiche, aber wortarme Konzentrat: Gerald Schmickl.
Schätzt das geistreiche, aber wortarme Konzentrat: Gerald Schmickl.

"In ein paar Zeilen das Wichtige sagen, das ist total schön für mich, das Konzentrat herausarbeiten - ich könnte nie einen Roman schreiben", sagte der deutsch-holländische Sänger, Autor und Maler Funny van Dannen kürzlich in einer Radiosendung.

Es ist ja wirklich oft eine größere Herausforderung, Dinge oder Sachverhalte in aller Kürze und Prägnanz auf den Punkt zu bringen, als sie in langen, mäandernden Sätzen (er)fassen zu wollen - und damit aus dem Punkt gewissermaßen einen Strich zu machen (so wie dieser längliche Satz).

Das klingt zwar in Zeiten von Twitter wie ein billiger Werbespruch oder eine die Zeichenbeschränkung rechtfertigende Zwangserkenntnis, ist aber durchaus mehr als das. Wobei es gar nichts bringt, Kurzprosa gegen Belletristik auszuspielen. Beide haben ihre Berechtigung - und überdies unterschiedliche Aufgaben: Romane erschaffen eigene, genuine Welten - und dürfen sich dafür durchaus Zeit und (viele) Zeilen nehmen. Kurz- und Kürzestprosa hingegen zielt auf eine augenblickliche Erkenntnis, auf die blitzartige Erhellung einer Situation - und das geht nur mit wenigen Worten.

"Der Student, ohne Bezug zu dem von ihm Referierten, beendet jeden Satz mit dem Wort ,genau‘, als wolle er sein Verstehen damit herbeizwingen." Diese Sentenz entstammt der Rubrik "Laufende Ermittlungen" im "Zeit Magazin", in welcher der Münchner Kulturwissenschafter und Publizist Andreas Bernard in loser Folge Beobachtungen und Einblicke auf hinreißend knappe Weise referiert. Wie etwa diese, uns gleich wieder zur literarischen Langform zurückführende Ein-Sicht: "Beim Lesen alter Romane immer die Hoffnung, dass man erfahren würde, zu welcher Uhrzeit die Menschen damals aufgestanden sind. Aber es ist nie die Rede davon."

Bernard führt mit dieser lakonisch-beiläufigen Art der Verknappung eine Tradition fort, die u.a. der deutsche Literaturwissenschafter und Autor Jürgen Manthey (1932-2018) viele Jahre in der Zeitschrift "Merkur" in kunstvoller Weise gepflogen hat - in der Rubrik "Glossa continua". Auch er ein feiner Verdichter, der aus kleinen Beobachtungen über den Anlass hinaus haltbare Erkenntnisse gewann: "Jeden Tag, aus jedem Anlaß zu schreiben, ist schon deswegen unerläßlich, weil man nur so, indem man ständig auf lauter Einzelheiten eingeht, das allzu Allgemeine vermeiden kann." Oder: "Er will absolute Freiheit, aber vom sicheren Hort aus - wie das Kind, das an der Hand der Mutter die Welt herausfordert."

Zurück zu Twitter. Dort zeigt der Autor Peter Glaser in erstaunlich kurzen Intervallen, wie man Kürzestbotschaften mit Wortwitz paart. Etwa wenn er die schwierige Kandidatenkür der SPD vertweetet: "Kandidaten müssen auf einem Nagelbrett aus Parteispitzen testsitzen." Oder "SPD supermodern: Eine Partei in hoher Auflösung".

Bleibt mir als eigener Beitrag, weil der Platz nun wirklich knapp wird, nur der Kürzeste aller Schüttelreime, für Schwammerlsucher: "Wo bist, Bovist?"