Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, zum Beispiel: "Das österreichische Deutsch". Jüngst ist bei Amalthea "Österreichisch für Fortgeschrittene" erschienen.  Alle Beiträge dieser Rubrik unter: www.wienerzeitung.at/sedlaczek
Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, zum Beispiel: "Das österreichische Deutsch". Jüngst ist bei Amalthea "Österreichisch für Fortgeschrittene" erschienen.  Alle Beiträge dieser Rubrik unter: www.wienerzeitung.at/sedlaczek

Es ist viel zu heiß. Alle stöhnen unter der Hitze. Schweiß auf der Stirn, unter den Achseln und überall. Es ist naheliegend, dass ich "Hitzewelle" zum Thema einer Glosse mache.

Der zweite Wortbestandteil lässt sich physikalisch so erklären: "Eine Welle ist eine sich räumlich ausbreitende periodische oder einmalige Veränderung des Gleichgewichtszustandes eines Systems bezüglich mindestens einer ort- und zeitabhängigen physikalischen Größe. Unterschieden werden mechanische Wellen, die stets an ein Medium gebunden sind, und Wellen, die sich auch im Vakuum ausbreiten können."

Nein, das bringt uns nicht weiter. Wir haben es mit einer übertragenen Bedeutung von Welle zu tun: etwas, das in großem Ausmaß, in mehr oder weniger dichter Folge in Erscheinung tritt - und sich ausbreitet, sich steigert.

Als 2015 von einer Flüchtlingswelle die Rede war, haben manche diese Formulierung kritisiert: Dadurch entstehe der Eindruck, dass es sich um ein Naturereignis handle, das von Menschen nicht beeinflusst werden kann. Ich finde, so falsch war es nicht. Österreich hatte damals wohl keine andere Wahl, als die Flüchtlinge nach Deutschland durchzuwinken. Was wird als sprachliche Alternative vorgeschlagen? Flüchtlingsbewegung. Damit kommt nicht zum Ausdruck, dass es sich um ein plötzliches und intensives Ereignis gehandelt hat.

Das Wort "Welle" hatte im Mittelhochdeutschen folgende Bedeutungen: Wasserwoge, aber auch Reisigbündel und zylindrischer Körper. Das althochdeutsche Verb wellan bedeutete so viel wie wälzen, rollen; es ist aus wallen entstanden. Der Wortsinn Reisigbündel kommt aus dem Schwäbischen und Alemannischen. Gemeint sind zusammengerollte Zweige.

Im Jahr 2004 hatte die deutsche Band Juli mit "Perfekte Welle" einen Hit. ". . .dein Brett ist verstaubt /deine Zweifel schäumen über, / hast dein Leben lang gewartet, / hast gehofft, dass es sie gibt." Nach dem Erdbeben im Indischen Ozean, das zum Jahresende mehrere Tsunamis mit hunderttausenden Toten ausgelöst hatte, wurde das Lied von vielen Radiosendern aus dem Programm genommen: Es wäre pietätlos, angesichts der furchtbaren Naturkatastrophe diesen Schlager weiterhin zu spielen. Einige Zeilen bekamen plötzlich eine neue Bedeutung: "Jetzt kommt sie langsam auf dich zu / das Wasser schlägt dir ins Gesicht /du siehst dein Leben wie ein Film / du kannst nicht glauben, dass sie bricht." Die Radiosender versprachen, das Lied später erneut ins Programm aufzunehmen, als eine Art Wiedergutmachung. Ich habe den Eindruck, dass sie noch heute dieses Versprechen erfüllen.

Zurück zur Hitzewelle. Der erste Wortbestandteil ist ein Substantivum zum Adjektiv heiß. Gemeint ist ein hoher Wärmegrad, der vom Gefühl her stechend oder brennend ist. So viel kann uns also die Sprachwissenschaft zu diesem Kompositum sagen. In der Meteorologie und Klimatologie versteht man unter einer Hitzewelle "eine ungewöhnlich lange Phase aufeinander folgender ungewöhnlich heißer Tage". Eine einheitliche Definition gibt es nicht. Es ist unserer Empfindung überlassen, was wir unter einer Hitzewelle verstehen. Und die "Perfekte Welle" dient heutzutage der Abkühlung.

Robert Sedlaczek ist
Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, jüngst ist bei Amalthea "Österreichisch für Fortgeschrittene" erschienen.