Andreas Rauschal, geboren 1984 in Vöcklabruck, ist Redakteur im "extra" der Wiener Zeitung.
Andreas Rauschal, geboren 1984 in Vöcklabruck, ist Redakteur im "extra" der Wiener Zeitung.

Dass die Warteschlange vor dem Eingang kein Unikat ist, ist blöd, aber zur Einstimmung grundsätzlich ideal. Die in der Freibadszene als typisch bekannte menschliche Kettenreaktion zur Formung einer anarchistisch strukturierten Schlange ohne einen Ansatz von Geduld wird sich auch zwischen Rutsche und Trampolin, vor der Umkleidekabine, beim Eisstand oder dem Buffet mit Wahlmöglichkeit (fettig oder frittiert) noch wiederholen. Es riecht nach einer Mischung aus Achselschweiß, Sonnenmilch, Langos und den Fahnen allfälliger erster männlicher Spritzwein-Damenspitze im Wettstreit gegen Dosengetränke mit Gummibär-Odeur und klassische Himbeerkracherl.

Man glaubt mit zunehmender Wartezeit unter Beigabe quengelnder Kinder und sich vom Leben bestraft fühlender FPÖ-Wähler mit Hang zum Vordrängeln auch den Anstieg der Aggression olfaktorisch zu vernehmen. Irgendetwas mit Hormonen und so: Kinder weinen, Wuteltern schäumen, stimmungstechnisch geht es an diesem höllenheißen Hochsommertag Mitte Juni also bereits zünftig in Richtung Zombieapokalypse, wenn diese in Zeiten des Klimawandels spielt und Menschen in Plastik-Flip-Flops darin vorkommen dürfen: "Tschessika, Kimbali, a Ruah is, sunst staubt’s!"

Von Ruhe allerdings kann keine Rede sein. Wer es durch die Schlange geschafft hat, die außer das Freibad-Grätzel selbst mittlerweile auch noch die drei umliegenden Bezirke inkludiert (es ist endlich Wochenende, wir haben ja Zeit!), bekommt es auf der Liegewiese mit Rabiat-Pollen, Aggresso-Gelsen und Halbstarken-Rap hörenden Halbstarken zu tun. Drogenkonsum und Frauenfeindlichkeit glorifizierende Kernbotschaften und Mutterbeleidigungen bestimmen das Geschehen, man beginnt aber darüber nachzudenken, ob das nicht deutlich weniger schlimm ist als die billigen Bluetooth-Boxen, aus denen man sich das Zeugs geben muss. Dagegen vorgerückt wird übrigens a) über die Androhung einer Watsche (ein Wutpensionist) und b) unter Zuhilfenahme einer anderen, auf Volks-Rock-’n’-Roll programmierten Bluetooth-Box (ein Vordrängler). Es ist ein schwieriges Alter, über das ich rückwirkend resümieren darf, dass man zu meiner Zeit noch eine Stereoanlage ins Freibad mitbringen musste, um Pensionisten oder andere steinalte Menschen ab 30 zur Weißglut zu bringen.

Das Gesamtsetting erinnert an einen ins Heute geholten Wimmelbildvorläufer von Pieter Bruegel dem Älteren, in dessen Zentrum man aus der Vogelperspektive anstelle eines Beckens wirklich nur mehr Köpfe mit und ohne Haarbüschel sieht. Das Wasser hat Lulutemperatur, und wenn man Wochen später beim Arzt mit Sätzen wie "Uiui!", "Waren Sie in letzter Zeit einmal im Schwimmbad?" und "Also ich gehe nicht hinein" konfrontiert ist, weiß man Bescheid. Bald ist aber ohnehin wieder Winter. Ich persönlich finde das gut.