Irene Prugger, geboren 1959, lebt als Schriftstellerin und freie Journalistin in Mils bei Hall in Tirol.
Irene Prugger, geboren 1959, lebt als Schriftstellerin und freie Journalistin in Mils bei Hall in Tirol.

Autobahnausfahrt vor einer Kleinstadt, zur Auswahl stehen ein Mauthäuschen mit Mautner und eines mit Automat. Ich habe mich falsch eingereiht, aber weil sich kein anderes Auto an der Mautstelle befindet, setze ich zurück und reiche dem Mautner das Geld. Er blafft mich an: "Das wäre jetzt eine Kunst gewesen, beim Automaten zu bezahlen!" - "Ich zahle lieber bei freundlichen Menschen", antworte ich, denn wenn ich die Wahl habe, entscheide ich mich meistens für Mensch statt Blech.

Mensch und Automat, das ist eine komplizierte Liaison, über die man Bücher schreiben könnte - Beziehungsbücher. Die Zeiten, als Service- und Verkaufsautomaten als wahre Wunderwerke galten, sind längst vorbei. Mit glänzenden Augen standen Kinder vor Kaugummispendern mit bunten Kugeln und Plastikringen als Gimmicks. Ihre Bedienung war einfach: Münze einwerfen, Griff drehen, und schon hatte man drei Kugeln Kaugummi, aber selten den Ring, den man wollte. Ebensolche Attraktionen waren je nach Bedarf die Musikautomaten Wurlitzer, schrille Spielgeräte und Verkaufsautomaten für Rauchutensilien. Letztere feiern heuer übrigens in Österreich 120-jähriges Jubiläum. Laut Wikipedia wurde der erste öffentliche Zigarettenautomat mit dem Schild "K. k. Tabakverschleißautomat" im April 1899 in Ottakring aufgestellt.

Inzwischen kann man noch weit mehr aus Automaten drucken: Goldmünzen, Parkscheine, Fliegenmaden für den Anglerbedarf, Pizzen, Medikamente, Laufschuhe, Ballerinas nach durchtanzten Nächten, Strümpfe und Socken, Schals, Drinks und Snacks, Brot und Gebäck, Tampons, Mundwasser und sonstige Hygieneartikel, Hanf-Saatgut für den eigenen Anbau, Cannabisblüten, Regenschirme, Blumen, Handy-Zubehör, Bitcoins, Zeitschriften und Bücher, Weihwasser usw.

Die Bedienung ist nicht immer unproblematisch, wie man an hilfesuchenden oder verärgerten Blicken erkennt. Zwar nicht ganz so erbittert wie einst Kottans Pilch, aber ebenso ratlos kämpfen sie oft mit den Tücken der Technik: die alte Frau vor dem Ticketschalter der ÖBB, der keineswegs so alte Mann vor der Programmierungsautomatik der Autowaschanlage, die junge Frau vor der automatischen Fahrradservicestation, das Kind vor dem Bauernprodukte-Automaten mit den Frucht-Gummibärchen. Wer mit der Bedienungsanleitung nicht zurechtkommt, für den ist es nur ein kleiner Trost, dass die
Automaten-Bediensteten 24 Stunden bereitstehen, um ihre Dienste anzubieten, unabhängig von guter oder schlechter Laune.

Könnten Automaten Emotionen zeigen, würden sie oft blechern seufzen, vor Ungeduld klappern oder schadenfroh scheppern. Reden können viele von ihnen ja bereits, und eines Tages werden Automaten der Marke "Almost human" begriffsstutzige Kunden vielleicht anschreien: "Dummian, drück doch endlich auf diesen Knopf!" Und der Mensch wird zurückschreien: "Das tu ich ja schon die ganze Zeit, du Klemmer!"