Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, zum Beispiel: "Das österreichische Deutsch". Jüngst ist bei Amalthea "Österreichisch für Fortgeschrittene" erschienen.  Alle Beiträge dieser Rubrik unter: www.wienerzeitung.at/sedlaczek
Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, zum Beispiel: "Das österreichische Deutsch". Jüngst ist bei Amalthea "Österreichisch für Fortgeschrittene" erschienen.  Alle Beiträge dieser Rubrik unter: www.wienerzeitung.at/sedlaczek

Unlängst habe ich an dieser Stelle ein Buch von Arik Brauer empfohlen. Es trägt den Titel "A Jud und keck a no". Auf einer Seite dieses Buches erzählt der Autor eine kleine Geschichte mit Wörtern hebräischen oder jiddischen Ursprungs. Er dokumentiert damit, dass es in unserer Sprache viele Wörter dieser Herkunft gibt.

Die meisten sind vom Aussterben bedroht. Früher bezeichneten wir in Wien einen günstigen Kauf als eine Mezzie. Was ist daraus geworden? Ein Schnäppchen. Wer weiß noch, was ein Tinnef ist? Der aus dem Jiddischen stammende Ausdruck bedeutete ursprünglich Schmutz, dann wertloses Zeug, Plunder.

Arik Brauer schreibt jene Wörter, die er für jiddisch hält, kursiv. Das sieht dann so aus: "Ein Bub springt auf den Tisch und gibt lauthals Ezzes, wie man mit einer Schickse schmust, ein anderer mit einer Kappe liest ihm die Leviten und schimpft ihn Goi und tritt ihn in den Toches."

Ezzes ist auch so ein Wort, das ich liebgewonnen habe und das viele nicht mehr kennen. Was ein Goi ist, weiß jeder Jude, und das Wort Schickse ist auch unter Philosemiten Allgemeingut. So wie Toches, das ist der Allerwerteste, kommt es in jüdischen Witzen häufig vor.

Aber Bub ist ein deutsches Wort, es hat im Mittelhochdeutschen nicht nur männliches Kind, sondern auch Knecht und unverheirateter Mann bedeutet, mitunter auch Schelm. Diese Bedeutung lebt in Ausdrücken wie Bubenstück und spitzbübisch weiter.

Auch das Wort Kappe hat weder einen hebräischen noch einen jiddischen Ursprung. Es geht auf das spätlateinische cappa (= Mantel mit Kapuze oder die Kapuze selbst) zurück. In Deutschland ist damit eine eng anliegende Kopfbedeckung mit oder ohne Schirm gemeint, in Österreich eine flache, steife Kopfbedeckung mit Schirm, wie sie Sportler oder Polizisten tragen. Eine eng anliegende Kopfbedeckung ist bei uns eine Haube.

Bei der Redewendung "jemandem die Leviten lesen" hat der Autor teilweise recht, denn in dem Wort Leviten verbirgt sich der jüdische Stamm Levi. Die Wendung ist allerdings christlichen Ursprungs, wie man in den "Sprichwörtlichen Redensarten" von Lutz Röhrich nachlesen kann. Um das Jahr 760 stellte der Bischof Chrodegang von Metz zur Besserung der verwilderten Geistlichkeit einen Kanon nach Art der Benediktinerregeln auf. Bei den Versammlungen mit Buß- und Andachtsübungen pflegte ihnen der Bischof einen Abschnitt aus der Bibel vorzulesen, meist war es eine Stelle aus dem dritten Buch Moses. Dieses wird auch Levitikus genannt, weil es hauptsächlich Vorschriften für die Leviten, also für die Priester enthält.

Eine komplizierte Historie hat das Wort schmusen. Im Hebräischen bedeutet schmúeß so viel wie Unterhaltung. Über das Rotwelsche dürfte das Wort zu uns gelangt sein. "Das ist ein Schmus" bedeutet: Das ist ein leeres Gerede, ein Geschwätz. Warum wir beim Wort schmusen an Zärtlichkeiten denken, ist ungeklärt. Ich könnte weitere Beispiele bringen. So ist Sandler ein altes deutschen Wort, das nichts Jiddisches in sich birgt.

Aber es ist schön, dass sich ein begnadeter Maler, Dichter und Liedermacher so intensiv und liebevoll mit der Sprache beschäftigt.

Robert Sedlaczek ist
Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, jüngst ist bei Amalthea "Österreichisch für Fortgeschrittene" erschienen.