Holger Rust, geboren 1946, ist Publizist und Professor für Soziologie in Hannover.
Holger Rust, geboren 1946, ist Publizist und Professor für Soziologie in Hannover.

Ich finde es schon bemerkenswert, wie viele Leute etwas geworden sind, was sie "eigentlich" gar nicht werden wollten, also beruflich, damit wir uns richtig verstehen. In jedem zweiten Lebenslauf nämlich findet sich diese oder eine ähnliche Einlassung in der kurzen Vorstellung der beschriebenen Person. Eigentlich wollte sie, wollte er etwas ganz anderes werden. Nach ersten zufällig wahrgenommenen Auffälligkeiten (denn eigentlich wollte ich über Adornos "Jargon der Eigentlichkeit" recherchieren und gab die entsprechenden Stichworte in die Suchmaschine ein) bin ich dann der Sache nachgegangen, wie man gelegentlich eben Sachen nachgeht, die eigentlich sinnlos sind.

So entdeckte ich zunächst, dass es vor allem Vertreter künstlerischer und kreativer Berufe sind, die einen unerwarteten Lebensweg zumindest ex post für sich reklamieren. Von vielen Regisseuren heißt es, dass sie "eigentlich Schauspieler" werden wollten. Über viele Schauspieler heißt es wiederum, dass sie "eigentlich Regisseure" werden wollten. Wobei die Schauspieler über ein weit größeres Möglichkeitsspektrum verfügen, denn ihre eigentlichen Berufe weichen weit mehr ab von dem, was sie tun, als das bei Regisseuren der Fall ist. Til Schweiger zum Beispiel wollte eigentlich Lehrer werden, seine Kollegin Andrea
Sawatzki Tierärztin. Andere fühlten sich zum Handwerk berufen. Dann stößt man aber auch auf Personen, die eigentlich Arzt werden wollten, dann aber Manager oder Unternehmer wurden. Warum, das wird oft nicht so deutlich, vielleicht lag es am Familienerbe oder am Numerus clausus.

Einer der berühmtesten Fälle derer, die eigentlich Arzt werden wollten, ist der Rennfahrer Juan Manuel Fangio, den es dann hinter das Steuerrad eines dieser frühen Boliden verschlug, die er meisterhaft zu bewegen wusste. Am häufigsten aber finden sich die Eigentlichkeitsberufe bei Leuten, die im Fernsehen gelandet sind, auch Ärzte. Das Fernsehen ist also das Biotop der Eigentlichkeit, was ja auch für Vielfalt spricht. Eines nur habe ich bei diesen Recherchen nicht gefunden: dass jemand sagt, eigentlich hätte er Millionär werden wollen, aber das sei an finanziellen Barrieren gescheitert, und so habe er nun die Position eines Verwaltungsbeamten gewählt, spiele aber noch regelmäßig Lotto, weil man so manchen Traum nicht so einfach aufgibt.

Mitunter sogar über Generationen. Denn da finden sich auch Biografien, bei denen die Nachgeborenen die eigentlichen Träume ihrer Eltern verwirklicht haben, die Künstler oder Schauspieler hatten werden wollen, dann aber sogenannte "Brotberufe" wählten, um die Familie zu ernähren, also etwa Bäcker wurden, deren Kinder aber nun Künstler, Schauspieler oder auch Regisseure geworden sind, von denen manche eigentlich Schauspieler hätten werden wollen, womit sie auch eine kleine Hommage an die Vergeblichkeit der elterlichen Träume entrichten.

Aber vielleicht klappt es ja dann in der nächsten Generation.