Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, zum Beispiel: "Das österreichische Deutsch". Jüngst ist bei Amalthea "Österreichisch für Fortgeschrittene" erschienen.  Alle Beiträge dieser Rubrik unter: www.wienerzeitung.at/sedlaczek
Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, zum Beispiel: "Das österreichische Deutsch". Jüngst ist bei Amalthea "Österreichisch für Fortgeschrittene" erschienen.  Alle Beiträge dieser Rubrik unter: www.wienerzeitung.at/sedlaczek

Unlängst richtete eine Leserin an die Website "korrekturen.de" die Anfrage, ob es einen Unterschied zwischen "ehemalig" und "damalig" gebe. Die Frau lieferte auch gleich zwei Beispiele mit: "Er nahm mit seiner ehemaligen Frau eine Platte auf." Dies bedeutet, dass er zusammen mit seiner Ex-Frau eine Platte aufnahm, als sie schon nicht mehr seine Frau war. "Er nahm mit seiner damaligen Frau eine Platte auf" bedeutet, dass er zusammen mit seiner Frau eine Platte aufnahm, heute ist sie nicht mehr seine Frau. "Ist mein Gefühl so richtig?", lautete die Frage. "Oder gibt es diesen Unterschied gar nicht?" Natürlich gibt es diesen Unterschied, und er wird - wie Julian von Heyl, der Betreiber der Website vermerkt - auf diese Weise gut erklärt.

Für Journalisten sollte der korrekte Gebrauch dieser zwei Wörter eine Selbstverständlichkeit sein - ist er aber leider nicht.

Anfang der Woche las ich auf ORF-Online, dass die "Ibiza-Affäre" der FPÖ nun auch zu Veränderungen bei der "Kronen Zeitung" geführt habe. Richard Schmitt habe seine Funktion als Chefredakteur der Online-Ausgabe abgegeben. Und dann der sprachlich irritierende Satz: "Schmitt galt als FPÖ-nahe und wurde in dem Video vom ehemaligen FPÖ-Parteiobmann Heinz-Christian Strache auch als ,einer der besten Leute, die es gibt‘ bezeichnet."

Dem ORF-Redakteur, der die Meldung aufs Netz gestellt hatte, könnte man empfehlen, auf der ausgezeichneten Website "korrekturen.de" vorbeizuschauen. Denn Heinz-Christian Strache war im Juni 2017, als das Video aufgenommen wurde, nicht der "ehemalige FPÖ-Parteiobmann", sondern der "damalige FPÖ-Parteiobmann".

Ich ärgere mich über die vielen schlecht formulierten Meldungen auf "orf.at". Befremdlich ist auch, dass die Online-Nachrichten des öffentlich-rechtlichen Rundfunks gegendert werden - es ist das einzige große Medium unseres Landes, das diese Praxis verfolgt. So konnte man auf "orf.at" lesen, dass "Klimaaktivistinnen und -aktivisten" einen Braunkohletagbau in Deutschland besetzt hielten - damit nicht jemand glaubt, nur Männer hätten an der Aktion teilgenommen. Die Doppelform wurde in der Folge gebetsmühlenartig wiederholt. Außerdem sei eine Bahnstrecke "von etwa 800 Demonstrierenden" blockiert worden - das Wort Demonstrant gilt als politisch inkorrekt, weil Frauen angeblich glauben, sie seien nicht "mitgemeint".

In der Online-Redaktion des ORF sitzen also Mitarbeiter, die Agenturmeldungen ummodeln. Sie wollen gendergerecht formulieren. Ein Beispiel aus derselben Nachricht. Zunächst wird darauf hingewiesen, dass nach Polizeiangaben acht Beamte verletzt wurden, dann folgt ein Satzungetüm: "Zu verletzten Aktivistinnen und Aktivisten gibt es derzeit Postings in den Sozialen Netzwerken, aber keine Zahlen."

Wer auf Verständlichkeit Wert legt, würde es so formulieren: "In den sozialen Netzwerken (übrigens kleines s!) wird berichtet, dass auch Aktivisten verletzt wurden. Über deren Anzahl liegen keine Angaben vor."

Meine These lautet: Das Gendern verlangt den ORF-Redakteuren so viel Denkleistung ab, dass die eigentlichen Sprachregeln und die Stilistik auf der Strecke bleiben.

Robert Sedlaczek ist
Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, jüngst ist bei Amalthea "Österreichisch für Fortgeschrittene" erschienen.