Vielleicht ist ja mein Algorithmus etwas verbogen. Oder die Zuckerberg-Zentrale weiß zu gut Bescheid über meine geheimen (oder auch weniger geheimen) Vorlieben, Lieblingsthemen, Obsessionen. Jedenfalls spült mir Facebook fortwährend Botschaften zum Thema automobile Fortbewegung in die Timeline. Ein wahres Stakkato an Werbung, Antiwerbung, Jubeldepeschen, Mahn- und Brandreden. Die Mitteilungen sind so widersprüchlich wie unsere Zeit.

Denn: Einerseits sind da, wenig überraschend, die traditionellen Autohersteller präsent. Mercedes, Audi, BMW, Volkswagen, you name it. Alle mit ungebrochen dicken Marketingbudgets, die halt immer stärker in Social Media wandern. Die Online-Werbebotschaften dieser Unternehmen wirken allerdings, als hätten sie - mit wenigen Ausnahmen - den Knall nicht gehört. Und wären auf einem anderen, kühleren, entspannteren Planeten daheim. Da wird etwa der Audi SQ8 TDI ins Bild gerückt, ein SUV-Coupé mit Brachial-Dieselmotor (4,0 Liter-Biturbo-V8). Platziert in einer als Metallskulptur getarnten Machtdemonstration von fünf Meter Länge und zweieinhalb Tonnen Gewicht. Ich glaube, nicht einmal mein Zahnarzt interessiert sich noch für solche Luxusmonster. Seine Praxis hat er in einer innerstädtischen Fußgängerzone. Andererseits: Es gibt Gründe, warum die deutschen Premium-Hersteller noch solche Autos bauen. Marge, Marge, Marge. Die Vorstandsetagen und Aktionäre schreien danach. It’s business, stupid!

Aber es ist allmählich wirklich stupid. Und geht nicht mehr lange gut. Worauf ich meine Prognose stütze? Nicht nur, aber auch: auf das anschwellende Geraune auf den billigen Plätzen. Die Herren Manager mögen sich doch bitte einmal die unzähligen Reaktionen und Kommentare unter ihren Werbeeinschaltungen durchlesen. Hier herrscht längst Fassungslosigkeit. Ob der provokanten Unsensibilität und des offensichtlichen Irrglaubens der Autoindustrie. Und es ist mittlerweile oft schon blanker Hass, der durchschlägt. Ihn blind zu nennen, hielte ich für unklug. Selbst wenn Bilder gepostet werden von abgefackelten Porsche-Sportwägen in Berlin und anderswo (dass wir über den ökologischen Irrsinn solcher Protestsignale nicht weiter zu diskutieren brauchen, versteht sich von selbst.)

Aber es gibt auch andere Botschaften, die einen erreichen. Und zumindest perspektivisch beglücken. Wien-Neubau, die Hochburg der bourgoisen Bohemiens Österreichs, wird in absehbarer Zeit zur Tempo-30-Zone. Flächendeckend. Ob das auch für den dem Bezirk zugehörigen Fahrstreifen am Gürtel gilt, sei dahingestellt. Auch, ob man diese rigide Maßnahme irrwitzig rücksichtslosen Sportradlern in der Begegnungszone Mariahilferstraße und lustig auf Gehsteigen dahinbretternden Elektroroller-Djangos angedeihen lässt. Durchsetzbarkeit braucht Kontrolle, das wird viele nicht freuen (absehbar dann und wann auch mich nicht). Aber einen ganzen Bezirk Wiens zum Verkehrslabor zu erklären und einen Zukunftstest unter Realbedingungen zu starten, halte ich für mutig, spannend und überfällig. Graz z.B. ist schon viel weiter.

Über den achtlos hingeschmissenen Elektro-Scooter vor dem Haustor, über den ich gerade gestolpert bin, reden wir ein ander Mal.