Hans-Paul Nosko, geb. 1957, lebt als Journalist und Glossist in Wien. - © Robert Newald
Hans-Paul Nosko, geb. 1957, lebt als Journalist und Glossist in Wien. - © Robert Newald

Als ich unlängst in einer Innenstadt-Konditorei saß, kam ich mit einem deutschen Ehepaar ins Gespräch, das gerade ein paar Tage in Wien verbrachte. Unweigerlich kamen wir auf die hiesige Kaffeehaustradition zu sprechen, und schließlich wollte die Dame wissen, ob es den sprichwörtlichen, ewig schlecht aufgelegten Ober denn gar nicht mehr gebe - sie habe ihn nirgendwo angetroffen.

Ich hätte ihr zwar ein Lokal nennen können, in dem ein solcher Herr Dienst tut, versicherte ihr jedoch, dass diese Spezies eigentlich nicht mehr existiert. Was durchaus der Wahrheit entspricht: Seit geraumer Zeit hat es sich in etlichen Wiener Kaffeehäusern eingebürgert, die Gäste in wohlgesetzter Art über das Angebot an Speisen und Getränken aufzuklären und sie auch sonst wortreich zu umsorgen - wie ich es vor einiger Zeit in einem großen Kaffeehaus unweit des Karlsplatzes erleben durfte.

Ich hatte mich mit einer Bekannten getroffen, die als Pressesprecherin arbeitet. Als unser Frühstück gekommen war, dessen Zusammensetzung uns zuvor eingehend dargelegt worden war, befand sie, auf ihrem Kipferl seien zu wenig Zuckerkörner vertreten. Meine Bekannte ließ also den Kellner kommen, wies ihn auf den Missstand hin, worauf dieser das beanstandete Stück umgehend gegen ein anderes Exemplar austauschte, das ihrem Wunsch deutlich mehr entgegenkam, gefolgt von der höflichen Frage, ob es nun so recht sei. Es war recht.

Unwillkürlich musste ich an die Zeit denken, es ist schon einige Jahrzehnte her, als das nämliche Café ein beliebter Treffpunkt von Journalisten, Buchautoren und Karikaturisten war. Die Kellner kannten die Eigenheiten der Stammgäste, den Novizen wurde bei Bedarf das Regelwerk des Wiener Kaffeehauswesens klargelegt. Als ich einmal, dem Studium gerade entwachsen und zum zweiten oder dritten Mal anwesend, die Hand hob, um nach einigem Warten meinen kleinen Braunen bestellen zu können, erklärte mir Herr Franz in kühlem Tone, dass es hierorts unangebracht und überhaupt völlig unnötig sei, nach der Bedienung, wenn auch nur gestisch, zu rufen: Er sei ein gelernter Kellner und wisse daher genau, wer noch nicht bestellt habe. Punktum.

Ich stellte mir die Szene "Meine Bekannte äußert den Wunsch nach mehr Zuckerbestreuung" in die 80er Jahre versetzt vor. Herr Franz hätte wohl geantwortet: "Gnä’ Frau, ein paar Gassen weiter ist eine Bäckerei, die sicherlich Kipferln nach Ihrer Vorstellung hat. Wünsche noch einen angenehmen Tag."

Nun ist es natürlich fein, dass Wiener Kaffeehauskellner ihre Gäste - egal ob Neulinge oder langjährige Habitués - umfassend beraten und sich nicht mehr als personifizierte Vertreter eines ausgedienten Klischees begreifen. Vielleicht könnte man allerdings überlegen, in ausgewählten Lokalen ein paar eigens geschulte, grantelnde Exemplare zu platzieren, um etwaige auswärtige Liebhaber von Hans-Moser-Filmen nicht zu enttäuschen.