Matthias G. Bernold, geboren 1975, lebt als Journalist in Wien.
Matthias G. Bernold, geboren 1975, lebt als Journalist in Wien.

Im Nachbarhof hockt ein dicklicher junger Mann auf der Treppe. Den Kopf auf die muskulösen Arme gestützt, sitzt er da und schnauft. Schultern und Hals sind sonnenbrandrot, Erschöpfung ist ihm ins Gesicht geschrieben.

Die Stadt ist dieser Tage voll mit Szenen gequälter Menschen. Hier schleppt eine ihren hechelnden Zwergpudel zum nächsten Blumenbeet. Dort kämpft sich einer mit Rollator zum Billa vor. Die Insassen einer Wohnung in der Lichtenauergasse haben alle Fenster von außen mit Leintüchern verhängt. Wer die Möglichkeit hat, bleibt daheim. "Was für ein Sommer!", formulierte es einmal Friedrich Nietzsche in einem Brief an Heinrich Köselitz, als er es mit ähnlicher Witterung zu tun bekam: "Ich denke Sie mir im Zimmer sitzend, mehr Omelette als Mensch."

38 Grad im Schatten. Wüstenklima in der Stadt. Heißer Wind, der keine Kühlung bringt. Im Kinderfreibad streiten zwei Mütter um den letzten Platz im Schatten. Bald geht ihnen die Kraft aus. Omeletten streiten nicht. Ein Lob dem Wiener Magistrat, der an Orte wie den Praterstern gelochte Schläuche legt: Kühles Nass spritzt auf heißen Stein. Sofort sind zwei Dutzend Kinder da und feiern Party. Auch ich ziehe eine Schleife, um durch den kurzen Guss zu radeln. Mit nassen Haaren und Hemd leidet sich’s leichter.

Schreiben bei dieser Hitze? Keine Chance. Ich beziehe meinen Hochsommer-Arbeitsplatz in der Bibliothek der Wirtschaftsuniversität und blicke ins Pratergrün. Die Klimaanlage hier ist die beste. Nur verlassen darf man das Zaha-Hadid-Gebäude nicht. Schattenspendende Bäume passten leider nicht ins Konzept der kühnen Gestalter des Renommier-Campus.

Tatsächlich ist es den Planern gelungen, ein Tausende Quadratmeter großes Areal ohne jeglichen Baumbewuchs zu realisieren. Wer von der Bibliothek zur U-Bahn will, spaziert auf einer Herdplatte. Die Vegetation, die man zugelassen hat, passt erstaunlich gut zum Lebensgefühl in einer Wüste: Sukkulenten und Bodendecker, dornige Büsche, die mitunter sogar blühen. Stadtplanung von und für Menschen, die vermutlich nie zu Fuß gehen, wenn es heiß ist.

Heimweg durch die Rotensterngasse: wieder so ein Straßenzug ohne einen einzigen Baum. Dafür Parkplätze an den Straßenrändern: lange Reihen bunter Toaster. Ist eben kein Shopping-Boulevard wie die neue Mariahilfer Straße mit ihren hohen Laubbäumen. Am Abend dann: ein Gott hat Erbarmen. Gewitter entladen sich über Wien und schwemmen die Hitze aus den Gassen. Ich rufe den fast Dreijährigen zum Fenster, um das Schauspiel zu bestaunen. "Endlich kühler!", versuche ich ihn zu begeistern. Der nimmt es gelassen. "Wenn es heiß ist, macht nix, Papa", sagt er: "Ich liebe die Sonne!" Na immerhin . . .