Severin Groebner ist Kabarettist, Autor und Gründungsmitglied der "Letzten Wiener Lesebühne". Sein neues Buch mit zahlreichen Kolumnen (unter anderem auch aus der "Wiener Zeitung") heißt "Lexikon der Nichtigkeiten" und ist im Satyr-Verlag (Berlin) erschienen.
Severin Groebner ist Kabarettist, Autor und Gründungsmitglied der "Letzten Wiener Lesebühne". Sein neues Buch mit zahlreichen Kolumnen (unter anderem auch aus der "Wiener Zeitung") heißt "Lexikon der Nichtigkeiten" und ist im Satyr-Verlag (Berlin) erschienen.

Wer sich unter "Overtourism" nichts vorstellen kann, möge nur dieser Tage einmal versuchen, in Salzburg durch die Getreidegasse zu gehen. Weit wird der Mensch nicht kommen. Da sind schon zu viele andere.

Aber nicht nur da. Auch im Schloss Schönbrunn in Wien, im Amsterdamer Rotlichtviertel, in den Innenstädten von Brügge, Barcelona und Prag. Wer in Dubrovnik unter all den "Games of Thrones"-Fans einen Einheimischen findet, könnte auch Lotto spielen. Denn die Göttin der Wahrscheinlichkeit ist ihm hold. Und sollte man in Paris 2022 den Eiffelturm besuchen wollen, kann man sich schon diesen Sommer anstellen. Dann könnte es vielleicht was werden.

Und das ist erst die Spitze des Eisbergs. Denn eigentlich wollen all diese Leute gar nicht den Markusplatz, die Alhambra oder die Akropolis sehen, sondern nur: sich selbst. Nur eben vor dem venezianischen Löwen, maurischer Architektur oder athenischen Trümmern. Dann wird ein Selfie gemacht. Und weiter geht’s. Die Millionen und Abermillionen Bilder von Duckfaces vor historischer Kulisse produzieren Likes, Follower und Content und in weiterer Folge Werbeeinnahmen und Clicks auf Instagram und Facebook, und Mark Zuckerberg wird noch reicher. Und die Kreuzfahrtunternehmer. Und die Hotelketten.

Und wer zahlt die Rechnung? Die Einwohner der touristischen "Hotspots". Denn die müssen sich am täglichen Weg zum Bäcker durch einen Haufen enthirnter Selfie-Zombies wuzeln, die nicht glauben können, dass die Welt mehr zu bieten hat als die Wohnsilos, Kleinfamilienpanzer und Großraumbüros, in denen sie sonst ihr Leben verschwenden.

Der Strom der Touristen muss gerechter verteilt werden. Wir müssen die Japaner nicht nur nach Hallstatt und Mariazell kutschieren, sondern auch ins obersteirische Ex-Industriegebiet. Dann haben auch schnell alle gute Laune, wenn die Besucher aus Fernost versuchen, "Mur-Mürz-Furche" korrekt auszusprechen. Die Party-Touristen, die sich jeden Sommer mit ihren Hipster-Freunden über Berlin ergießen, sollte man auch in die ländliche Idylle von Thüringen und Nordhessen umdirigieren. Dort können sie einmal schauen, wie cool mit rechtsradikalen Altersgenossen Kirschen essen ist. Warum sollen sich Millionen Chinesen gleichzeitig über Montmartre quälen, wenn tausende französische Kreisverkehre locken, wo man mit den örtlichen Vertretern der "Gelbwesten"-Bewegung spannende politische Diskussionen über Industrieproduktion und deren Verlagerung führen kann? Und auch der kulturbeflissene Italien-Urlauber sollte sich einmal statt Uffizien und Rialto eine fesche illegale Mülldeponie bei Neapel reinziehen. Da sieht man, wie die Camorra das Gesicht des Landes nachhaltig verändert.

Warum überhaupt nur die touristischen "Hotspots" bereisen, wenn man auch migrantische besuchen kann? Und dann auf Samos ein Selfie machen mit einem Insassen so einer Einrichtung, der die Krätze und Durchfall hat, weil er in einem Lager für 700 Menschen mit 3500 zusammengepfercht ist. Dann hochladen und abwarten, wer von den Followern schon so moralisch degeneriert ist, dass er da auf "Gefällt mir" klickt.

Severin Groebner ist Kabarettist, Autor und Gründungsmitglied der "Letzten Wiener Lesebühne". Sein neues Buch mit zahlreichen Kolumnen (unter anderem auch aus der "Wiener Zeitung") heißt "Lexikon der Nichtigkeiten" und ist im Satyr-Verlag (Berlin) erschienen.

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