Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, zum Beispiel: "Das österreichische Deutsch". Jüngst ist bei Amalthea "Österreichisch für Fortgeschrittene" erschienen.  Alle Beiträge dieser Rubrik unter: www.wienerzeitung.at/sedlaczek
Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, zum Beispiel: "Das österreichische Deutsch". Jüngst ist bei Amalthea "Österreichisch für Fortgeschrittene" erschienen.  Alle Beiträge dieser Rubrik unter: www.wienerzeitung.at/sedlaczek

Wenn einem Politiker vorgeworfen wird, er würde eine NS-Diktion verwenden, dann ist das Rauschen im Blätterwald gewaltig. Aber was ist das, die NS-Sprache? Welche Wörter gelten zu Recht als Naziwörter und welche zu Unrecht? Der deutsche Journalist Matthias Heine, Sprachkolumnist der Tageszeitung "Die Welt", befasst sich in einem Buch mit diesem Thema. Es trägt den provokanten Titel: "Verbrannte Wörter. Wo wir noch reden wie die Nazis - und wo nicht".

Der Autor hat die Fachliteratur gewissenhaft studiert. Zeitgenossen, die das Aufkommen des Nationalsozialismus miterleben mussten, hatten keinen Zweifel, dass es eine NS-Sprache gibt. Der Philologe Victor Klemperer begann gleich nach der Machtergreifung Hitlers in seinem Tagebuch Belege für das zu sammeln, was er "Lingua Tertii Imperii", Sprache des "Dritten Reiches" nannte. Zur gleichen Zeit wurde den Gymnasiasten in der Schule nicht nur die NS-Ideologie, sondern auch der korrekte Gebrauch der Terminologie beigebracht. Grundlage waren von NS-Funktionären verfasste Wörterbücher. In der "Duden"-Ausgabe von 1942 war dann der nationalsozialistisch geprägte Wortschatz massiv vertreten - nicht nur mit Bezeichnungen der neu geschaffenen Institutionen und Titel wie "Blockwart" und "Obersturmbannführer", sondern auch mit Begriffen wie "Rassenhygiene" und "Erbpflege".

Gleich nach dem Krieg erschienen zwei Publikationen mit der erklärten Absicht, die deutsche Sprache zu entnazifizieren. Im Westdeutschland war es das Bändchen "Aus dem Wörterbuch des Unmenschen", in Ostdeutschland das "Notizbuch eines Philologen" des bereits erwähnten Victor Klemperer. Als wichtigstes Grundlagenwerk gilt das mehr als 700 Seiten starke Nachschlagewerk von Cornelia Schmitz-Berning.

Matthias Heine teilt die Naziwörter in vier Gruppen. Zu den Neologismen, also den neuen Wortbildungen, gehören "Sippenhaftung", "Vergeltungswaffen" und "Kulturschaffende". Bei einige Wörtern haben die Nazis die Bedeutung verändert; schon in "Mein Kampf" hat Hitler die Aufwertung von "fanatisch" zu einem positiven Wort vorgegeben. Dann wurden gewisse Hochwertwörter, die in der Ideologie einen großen Stellenwert besaßen, besonders häufig verwendet, etwa "Volk", "Rasse" und "Reich".

Nicht zuletzt hat sich die NSDAP einiger Wörter bemächtigt, die früher von anderen geprägt worden waren - deren Bedeutung wurde dann von den Nationalsozialisten in ihrem Sinne verengt, z. B. "Führer" und "Konzentrationslager". Ein kurioses Detail: Das Wort "Bauer" sollte nur den rassisch unanfechtbaren Besitzern eines der rund 700.000 "Erbhöfe" vorbehalten sein. Alle anderen sollten "Landwirt" genannt werden. Matthias Heine: "Ganz sicher haben sich die wenigsten an diese Sprachregelung gehalten."

Der Autor klopft 80 Wörter auf ihren semantischen Hintergrund ab und führt aus, wie sie im Nationalsozialismus verwendet wurden - mit überraschenden Ergebnissen. So spielte "Herrenrasse" in der Nazi-Propaganda kaum eine Rolle. Matthias Heine zieht dennoch den Schluss: "Das Wort fasst einen Kerngedanken der NS-Ideologie zusammen. Es ist kein Anlass denkbar, bei dem es unschuldig benützt werden könnte."

Robert Sedlaczek ist
Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, jüngst ist bei Amalthea "Österreichisch für Fortgeschrittene" erschienen.