Ein Freund hat mir eine Info-Mail über ein 2016 auf Deutsch erschienenes Jugendbuch weitergeleitet, dessen Autorin weder als Mann noch als Frau angesprochen werden will. Dem Text war ein Foto des Urhebers beigefügt, das ich tendenziell als weiblich interpretierte. Deshalb erlaubte ich mir, bei der Ersterwähnung "die Autorin" zu schreiben. Da aber die weibliche Form keine Anwendung finden soll, versuchte ich den sprachlichen Schwung ins Weibliche durch die männliche, eigentlich generische Form "Urheber" abzufangen. Der Protagonist oder die Protagonistin des Buches ist ein Bub, der eigentlich ein Transgender-Mädchen ist.

Ich werde das Buch wahrscheinlich nicht kaufen. Schließen Sie bitte nicht vorschnell, dass ich etwas gegen Menschen hätte, die ihr Ich im Unbestimmten oder Nicht-Naheliegenden finden oder suchen. Was mich an diesem Buch bzw. seiner Urheberschaft stört, ist, dass man darüber kaum reden oder denken kann.

Wie kann man sich in einer so streng reglementierten Situation unterhalten? Wer unbefangen den Mund aufmacht, ist verloren. Man kann dann nichts richtig machen, außer vielleicht die LGBT-Person ist guter Laune und lässt Fünfe gerade sein. Als ich nach einer Definition von "LGBT" suchte, klärte mich Wikipedia darüber auf, dass der Terminus "homosexuell" zunehmend als abwertend empfunden worden sei. Diesem Faktum begegnet man ausgehend vom englischen Sprachraum seit den 90er Jahren mit dem Kürzel LGBT (steht für Lesbian, Gay, Bisexual and Transsexual).

Unser nicht "heteronormativer" Freund hat mich darüber nicht aufgeklärt. Also werde ich das Wort bis auf Widerruf weiterverwenden. "Schwul" klingt in meinen Ohren umgangssprachlich. Und LGBT ist mir zu technisch. Wikipedia erklärt überdies, dass das Sternchen, das bisweilen hinter dieser Buchstabenkombination zu lesen steht, andeutet, dass jemand, der sich auch mit den LGBT nicht anfreunden kann, sich dennoch nicht ausgeschlossen fühlen soll. Solche Sternchen sollten wir großzügig über alles Mögliche verteilen!

Es gibt heutzutage Wörter und Themen, die man unter allen Umständen zu vermeiden hat, wenn man verhindern möchte, dass man sich in den Augen des Gegenübers unabänderlich ins Out begibt. Nur: Wer weiß schon, wie das Gegenüber denkt? Die freie Rede war einmal. Heutzutage kommt es auf die richtige Rede an. Mir scheint, es wird Zeit, wieder das Gemeinsame in all den unterschiedlichen Orientierungen zu suchen. Bei allen Unterschieden müssten wir doch auch Gemeinsamkeiten finden? Wenn nicht, dann ist der Karren verfahrener, als mir das bewusst war.