Severin Groebner ist Kabarettist, Autor und Gründungsmitglied der "Letzten Wiener Lesebühne". Sein neues Buch mit zahlreichen Kolumnen (unter anderem auch aus der "Wiener Zeitung") heißt "Lexikon der Nichtigkeiten" und ist im Satyr-Verlag (Berlin) erschienen.
Severin Groebner ist Kabarettist, Autor und Gründungsmitglied der "Letzten Wiener Lesebühne". Sein neues Buch mit zahlreichen Kolumnen (unter anderem auch aus der "Wiener Zeitung") heißt "Lexikon der Nichtigkeiten" und ist im Satyr-Verlag (Berlin) erschienen.

Er ist das Lieblingsthema aller Medien des Landes. Nein, ich spreche nicht vom Hund, vom G’spritzten (dem zum Trinken) oder vom Zustand der österreichischen Fußballnationalmannschaft, sondern natürlich vom kürzesten Kanzler der Zweiten Republik. Welches Medium man auch aufschlägt, aufdreht oder einschaltet: Nach spätestens fünf Minuten oder Seiten gibt es eine Story über den Basti. Beim Frühstück verrät er, dass er nicht verrät, wann er Vater zu werden gedenkt. Dann geht er wieder einmal wandern. Dazwischen fliegt er nach Israel, kritisiert NGOs (damit er in Übung bleibt) und trifft Angela Merkel, die daraufhin noch Tage später zu zittern beginnt.

Aber freilich gibt es auch kritische Berichterstattung: Da wird er mit Napoleon verglichen, andere fragen, wie viele Leute eigentlich wirklich mitgewandert sind, und im Internet lacht man sich kaputt über seinen ungelenken Besuch in einem Altersheim. Dazwischen gibt es Umfragen, Umfragen, aber auch Umfragen, die seltsamerweise das Meidlinger Mirakel stets in Führung sehen.

Na, wen denn sonst? Bei diesem Hagelschauer an Kurz-Nachrichten wissen wahrscheinlich 40 Prozent der Wähler gar nicht, dass es auch andere Parteien gibt. Die sogar ganz andere Kandidaten haben.

Nach einem Besuch auf der Homepage des Kurzzeitkanzlers weiß ich jetzt auch, dass es einen Smartphone-Hintergrund zum Download gibt und man sich durch 282 Fotos des Unterstützerfests "Wir für Kurz" klicken kann. Da sieht man sehr viele Menschen in Türkis. Und man muss sagen: Das ist eine Farbe, die steht nicht jedem. Wer das finanziert hat, erfährt man leider nicht. Man kann nur hoffen, dass es nicht wieder der Steuerzahler war wie beim Familienfest in Schönbrunn am 1. Mai. Dafür gibt es auf der Seite ein "Kurz: Magazin". Spätestens jetzt weiß ich, dass ich mir um die Pressefreiheit in diesem Land keine Sorgen mehr machen muss.

Schmerzlich vermisse ich aber den Sebastian-Kurz-Fanshop. Wo sind die Kurz-Schals, die Kurz-Tassen, die Kurz-Handyhüllen? Ich fühle mich da nicht abgeholt. Was mache ich obendrein, wenn ich meiner pubertierenden Tochter Ed Sheeran samt Justin Biber austreiben will, wenn ich keine Sebastian-Kurz-Starschnitte zum Downloaden und Ausdrucken finde? Und auch die Sebastian-Kurz-Reflektoren für das Fahrrad vom Kleinen und den Rollator von der Oma kann ich scheinbar lange suchen. Wie wär’s mit Kurz-Gebissreiniger, Kurz-Nasenhaarschneider oder dem Kurz-Tampon? Und wo bleibt die Sebastian-Kurz-Fototapete für das Vereinslokal vom Fußballklub, den Hobbyraum und das Schlafzimmer? Ich kann doch gar nicht mehr klar denken, wenn nicht der medialste Meidlinger aller Zeiten mit seinen türkis-blauen Augen an mir vorbei in die Zukunft blickt. Schon schlafen fällt mir schwer, wenn ich nicht von ihm träume. Da hab ich doch das Gefühl, ich hätte meine Zeit im Bett verschwendet. Nur mit seinen wahrhaftigen Versprechen, wolkig wie die Lüftlmalerei in einer Barockkirche aus der Provinz, bin ich im siebenten - und also türkisen - Himmel. Dann bete ich noch einmal "pro patria" und schließe die Augen. Zuversichtlich, dass auch dieser Wahlkampf irgendwann einmal zu Ende geht.

Severin Groebner ist Kabarettist, Autor und Gründungsmitglied der "Letzten Wiener Lesebühne". Sein neues Buch mit zahlreichen Kolumnen (unter anderem auch aus der "Wiener Zeitung") heißt "Lexikon der Nichtigkeiten" und ist im Satyr-Verlag (Berlin) erschienen.

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