Irene Prugger, geb. 1959, lebt als Schriftstellerin und freie Journalistin in Mils bei Hall in Tirol.
Irene Prugger, geb. 1959, lebt als Schriftstellerin und freie Journalistin in Mils bei Hall in Tirol.

Obwohl ich mir vorgenommen hatte, es lange nicht mehr zu tun, wurde ich doch wieder rückfällig: Ich reiste für ein paar Tage nach Venedig. Mit der Lagunenstadt geht es mir wie mit Meeresfrüchte-Pizza: Nach dem letzten Happen wird es mir immer zu viel, der Geschmack wird ein wenig zu penetrant und ich schwöre mir: Jetzt lange nicht mehr! Früher als gedacht kommt der Appetit dann aber doch wieder.

Über Venedig wurde schon alles geschrieben, auch, dass es laut und voll ist. Bei meinem letzten Besuch vor drei Wochen war es laut, voll und heiß, genau, wie ich es erwartet hatte und wie es mir auch ganz gut gefällt. In den klimatisierten Pavillons der Biennale haben Lärm und Hitze aber ohnedies keinen Zutritt. Dort war es still, die Massen verteilten sich und die gezeigte Kunst ist durchwegs so unterkühlt, dass man auf die Klimaanlagen schon beinahe verzichten könnte - Gesellschaftskritik, Klimaschäden, blanker Pessimismus und Untergangsszena-rien kunstvoll und mehr oder weniger außergewöhnlich in Form gebracht. Um Venedig braucht man sich so gesehen keine Sorgen zu machen, die gesamte Welt geht bestimmt noch vorher unter.

Im venezianischen Pavillon wird der Untergangsgesang ästhetisch und voll Pathos inszeniert, u.a. in Form eines Videos. Froh um einen ruhigen Sitzplatz, lässt man sich von den projizierten Wellen trotz des kritischen Inhaltes schon fast genüsslich einlullen. So ein bisschen Fernsehen zwischendurch ist auch auf einer Kunst-Biennale ganz entspannend. Bei den nächsten zig Videos, die man als Kunst präsentiert bekommt, fühlt man sich allerdings schon richtig erschlagen von den bewegten Bildern, selbst wenn diese nur sehr wenig oder nur sehr streng strukturierte Bewegung zeigen.

Die ägyptischen Künstler haben großen Sphinxen und Löwenstatuen sogar Bildschirmköpfe verpasst - wohl ein Hinweis darauf, dass Gegenwart und Vergangenheit ein untrennbares Mischwesen ergeben, vielleicht aber auch eine Kritik an bildschirmverblendeten Perspektiven. Warum bloß gibt es dann hier so viele davon?

Vielleicht, um die Besucher zum Bleiben zu bewegen: Je länger der Aufenthalt in einem Pavillon, umso größer das Interesse, dieser Gedanke mag vielleicht dahinterstecken. Das könnte aber auch ein Fehlschluss sein. So sah ich in einem der Pavillons ein älteres Paar stumm aneinandergelehnt vor einer Videoperformance sitzen, und zwar so regungslos, dass die beiden schon fast selbst wie ein Kunstwerk anmuteten. Sie hielten ein kleines Fernsehschläfchen im abgedunkelten Raum.

Das diesjährige Biennale-Motto "May you live in interesting times" passte da zumindest ironisierend dazu. Das Leben mit seinen wunderbaren und sonderbaren Momenten schafft eben seine eigene Kunst - in diesem Fall eine originelle Momentaufnahme ohne Konservierung. Es sei denn, das Paar wurde bei seiner Kunstpause von einer Überwachungskamera gefilmt.