Das war bestimmt wieder der Klimawandel. Und der hat mir immerhin schon die Sohlen von den Schuhen gezogen. Jedenfalls eine. Während der letzten Hitzewelle ist sie auf dem heißen Asphalt einfach weggeklappt. Früher hätte ich ja gesagt: Die Raucher sind schuld. Aber die können womöglich überhaupt nix dafür. Dass es jetzt nämlich sogar ein Mitglied meiner Familie erwischt hat. Andererseits hat der Heinz ein paarmal neben diesem getschickt (und auch in Gegenwart meiner Schuhe).

Ausgerechnet jenes Familienmitglied, zu dem ich die innigste Beziehung gehabt habe, hat also urplötzlich zu spinnen begonnen. War immer wieder unansprechbar und hat mich völlig ignoriert. Hitzestress? Burnout? Obwohl: So heiß war’s an dem Donnerstag doch gar nicht. Am Freitag ist es dann auf dem OP-Tisch verstorben beziehungsweise war "nur" sein Hirn tot, tja, und inzwischen befindet es sich in einer Schuhschachtel. Nicht, dass es von der Erderwärmung eingeäschert worden wäre. Oder von jemand anderem. Hier geht’s um ein Handy, hallo? (Müsste das nicht "Smarty" heißen?) Und solange es keinen Handyfriedhof gibt, bestatte ich meine Lebensabschnittsfamilienmitglieder halt im Schuhkarton auf dem Kasten. (Wie viele Menschenjahre sind eigentlich ein Handyjahr umgerechnet? Mindestens 20 . . . 25.)

Anfangs war ich ja noch zuversichtlich. Dass vielleicht bloß was mit dem Akku wäre. Denn ich hab mein selbstmordgefährdetes, sich ständig aufhängendes Handy lediglich ans Stromnetz anschließen müssen und es war wieder da. Bis ich es abgesteckt habe. Doch was fängt man mit einem angeleinten Handy an? Mit einem Hundi an der Leine kann man wenigstens Gassi gehen. Da ist mein Festnetztelefon ja mobiler. (Es ist schnurlos.) Im Service Center dann: Warten vorm OP-Saal. Die Techniker konnten mir allerdings nur noch eine leere Hülle zurückgeben. Smart war daran nix mehr. Die Platine wäre hin. Und das war kein Blondinenwitz. Weil eine Platine keine besonders blonde Blondine ist (eine platinblonde eben).

Panik. Wie überleben ohne Handy? Am besten den Heinz fragen. Ja, wenn ich seine Nummer auswendig wüsste. Alle Kontaktdaten - futsch. Den Rest meines Lebens werde ich notgedrungen in totaler sozialer Isolation verbringen, und wenn ich sterbe, wird man meine Leiche erst Wochen später in der Wohnung finden. Bis auf die Knochen abgenagt von meinen fünf Katzen, die ich mir jetzt wohl zulegen muss. Ach, vorher werde ich eh delogiert. Weil ich die Miete nimmer überweisen kann. (Keine TANs mehr per SMS!) He, und wenn ich dem Heinz meine Festnetznummer maile? Kann er mich anrufen. Und wie lautet die? Na ja, müsste im Telefonbuch stehen. Mist, das hab ich abbestellt. Wegen der armen Bäume. Gut, dann soll halt er mir seine Handynummer zurückmailen, auf meinen Anruf warten und mir die Nummer durchgeben, die grad auf seinem Display erschienen ist. Und die mail ich ihm. Keine Ahnung, wer am Ende wen angerufen hat.

"Morgen kauf ma dir a neues Handy. Treff ma uns um elf." - "Okay, oba nur, wennst dein’ Handywecker auf zehn stellst und mi dann am Festnetz anrufst. Sonst verschlaf i." Und die Kontakte? Oh, die sind auf einmal auf dem neuen Handy aufgetaucht. Aus heiterem Himmel. Oder eher aus einem bewölkten. Die waren in so einer ominösen "Cloud" gewesen.