Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, zum Beispiel: "Das österreichische Deutsch". Jüngst ist bei Amalthea "Österreichisch für Fortgeschrittene" erschienen.  Alle Beiträge dieser Rubrik unter: www.wienerzeitung.at/sedlaczek
Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, zum Beispiel: "Das österreichische Deutsch". Jüngst ist bei Amalthea "Österreichisch für Fortgeschrittene" erschienen.  Alle Beiträge dieser Rubrik unter: www.wienerzeitung.at/sedlaczek

Unlängst habe ich an dieser Stelle für das Buch "Verbrannte Wörter" von Matthias Heine geworben. Der Sprachkolumnist der Tageszeitung "Die Welt" analysiert Wörter hinsichtlich ihres Nazi-Gehalts. Sieht man sich das Wortverzeichnis an, so findet man darin jede Menge Ausdrücke, deren Nazi-Vergangenheit unübersehbar ist und die deshalb allgemein diskreditiert sind: Arier, Blitzkrieg, Herrenrasse, Untermensch und einige andere. Manche Wörter aus der NS-Zeit, die Matthias Heine untersucht, werden allerdings heute von rechten Politikern wiederbelebt: "Festung Europa", "Umvolkung" und "Bevölkerungsaustausch".

Zur NS-Zeit war "Festung Europa" ein Propagandabegriff, der nahelegen sollte, ganz Europa stehe unter deutscher Führung zusammen gegen den Bolschewismus und gegen die Plutokratie - gemeint waren die liberalen Demokratien in England, Frankreich und in den USA. Dieses Gebilde schrumpfte aber immer mehr. Viktor Klemperer schrieb: "Später wird aus der Festung Europa die Festung Deutschland werden, und ganz zuletzt ist es die Festung Berlin."

Fazit von Matthias Heine: "Wer die ,Festung Europa‘ als Bollwerk gegen illegale Masseneinwanderung fordert, sollte sich im Klaren darüber sein, dass die genannte Festung schon beim ersten Mal eine Fiktion war."

Einen Hautgout des Nationalsozialismus hat auch der Ausdruck "Umvolkung". Der Begriff existiert seit den 1920er Jahren. In der "Neuen Freien Presse" gebrauchte der Münchner Bevölkerungswissenschafter Friedrich Burgdörfer das Wort am 15. Jänner 1928: "Unterwanderung eines Volkes durch volksfremde Elemente ist immer der Beginn einer ,Umvolkung‘ ..." Zur NS-Zeit war mit ,Umvolkung‘ nicht nur die erpresste Assimilation von Auslandsdeutschen an das Mehrheitsvolk gemeint. Zur Germanisierung des Protektorats Böhmen und Mähren wurde vorgeschlagen: "1. Die Umvolkung der rassisch geeigneten Tschechen; 2. die Aussiedlung von rassisch unverdaulichen Tschechen und der reichsfeindlichen Intelligenzschicht bzw. Sonderbehandlung dieser und aller destruktiven Elemente; 3. die Neubesiedlung dadurch freigewordenen Raumes mit frischem deutschen Blut."

Fazit von Matthias Heine: "Die dem gegenwärtigen Gebrauch zugrunde liegende Vorstellung eines gezielten Planes zur Auslöschung des deutschen Volkes hat angesichts der Tatsache, dass solche ,Umvolkungen‘ zuerst von Deutschen für andere Nationen ersonnen und ausgeführt wurden, etwas zutiefst Makabres."

Ein verwandter Begriff, der in etwa dasselbe meint, ist ,Bevölkerungsaustausch‘. Er ist in dem Buch "Verbrannte Wörter" nicht zu finden, wird jedoch auf Wikipedia gut erklärt: Demnach gäbe es einen geheimen Plan, die weiße Bevölkerung Europas gegen muslimische oder außereuropäische Einwanderer auszutauschen. Dahinter stünden etwa "die Globalisten", "die Eliten", "die Juden" oder Organisationen wie die Europäische Union und die Vereinten Nationen. Der Begriff geht auf französische Autoren zurück, dort heißt er "grand remplacement".

Sollte man eines der drei Wörter aus dem Mund eines Politikers hören, so ist es gut zu wissen, welche Geschichte das Wort in seinem Rucksack mitschleppt.

Robert Sedlaczek ist
Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, jüngst ist bei Amalthea "Österreichisch für Fortgeschrittene" erschienen.