Dass eine nicht bezahlte Rechnung von 76,45 Euro eine mittelprächtige Staatsaffäre auslöst, ist ein Treppenwitz der jüngeren Polit-Historie des Landes. Im Gegensatz zum Ibiza-Fanal, wo es an peinsamer Explizität nicht mangelte, ist hier bislang nur der Vorgang bekannt, nicht der Inhalt. Ganz Österreich rätselt: Was kann auf fünf Festplatten enthalten sein, dass ein hochnervöser Vertrauter des Ex-Bundeskanzlers unter falschem Namen nicht einen Shredder-Durchlauf fordert, sondern gleich drei? Und dann die Schrottreste noch fein säuberlich einsammelt und persönlich wegträgt?

Freilich ploppen im Zug dieses - je nach Geschmack und Loyalitätsgrad - "ganz normalen" (ÖVP-Pressedienst) oder hochgradig mysteriösen Vorgangs jede Menge weiterer Fragen auf. Denn das auf Aktenvernichtung spezialisierte Unternehmen, dessen Rechnung wohl immer noch offen ist, wird von der politischen Nomenklatura des Staates keine Aufträge mehr bekommen. Immerhin: Der Begriff Diskretion kommt im Online-Werbeauftritt der Firma Reisswolf - Thomas Bernhard hätte ob des Namens laut gelacht! - nicht weiter vor. Dafür ist Folgendes zu lesen: "Nach erfolgter Vernichtung Ihrer Festplatten stellen wir Ihnen ein Vernichtungszertifikat aus. Dieses dient als Nachweisdokument im Sinne der DSGVO."

Ich lach’ mir einen Ast ab. Dass man im Zug der ominösen Geschehnisse auch noch an die Datenschutzgrundverordnung und ihre bürokratischen Implikationen erinnert wird! Denn hier zeigt sich die Janusköpfigkeit unserer selbstgestrickt sicheren, arg naiven Denk-Welt. Bislang ist für einen 08/15-Konsumenten wie mich keine der von der Regierung, ihren Entscheidungsträgern, EU-Kommissaren und Experten verheißenen Folgen der DSGVO eingetreten. Ich bekomme ungebrochen unerbetene Werbemails und Newsletter. Bemerke keinen Sinneswandel von Facebook & Co. Erspähe (oder auch nicht) mehr und mehr Überwachungskameras, verborgene Mikrofone und digitale Leimruten. Und höre förmlich das schmatzende Geräusch, das Befugte und Unbefugte beim Absaugen meiner Daten rund um den Planeten rund um die Uhr von sich geben. Mehr oder minder diskret.

Zugleich hat die DSGVO einen neuen Modetrend mit sich gebracht: Alles, was einem unangenehm werden könnte, fällt jetzt unter "Datenschutz"! Damit lässt sich so ziemlich jede Frage, jedes Begehr, jede Recherche hinanhalten. Für jeden Amtsträger, Beamten und drittrangigen Manager dieser Republik. Was früher das "Amtsgeheimnis" war - das es freilich hierzulande immer noch gibt -, ist heute eine positiv camouflierte, uneinnehmbare Trutzburg formal festgeschriebener Korrektheit. Transparenz - gottbewahre! - hat immer nur für den/die anderen zu gelten. Diese spezielle Interpretation von Diskretion war für forsche Amtsschimmelreiter, karrieregeile Strippenzieher und ihre willigen Assistenzkräfte noch nie eine Untugend. Im Gegenteil.

So gesehen soll nicht die Auskunftsfreudigkeit des Reisswolf-Leitwolfs in den Mittelpunkt unserer Überlegungen geraten. Ihm ist für seine staatsbürgerliche Courage zu danken. Die eigentliche Frage bleibt im Raum stehen: Was wird auf den Kopierern des Bundeskanzleramtes abgelichtet, das unter keinen Umständen das Licht der Öffentlichkeit erblicken darf?