Holger Rust, geboren 1946, ist Publizist und Professor für Soziologie in Hannover.
Holger Rust, geboren 1946, ist Publizist und Professor für Soziologie in Hannover.

Seit Längerem geht das so: Jede zweite Prüfungsarbeit, die mir zur Begutachtung vorgelegt wird, beginnt mit einer Art Kalenderspruch des 21. Jahrhunderts: "Die Digitalisierung schreitet unaufhaltsam voran". Dieser Satz ist aus mehreren Gründen bemerkenswert. Erstens setzt er voraus, dass es die Digitalisierung gäbe, also eine einheitlich strukturierte Transformation analoger Prozesse und Verhaltensweisen in eine rechnerkompatible Datenlogik. Zweitens verbirgt sich dahinter die Befürchtung vor einer quasi naturgesetzlichen Entwicklung, der nichts entgegenzusetzen sei. Und wie es so ist im Prozess der Sprachkultur, sickerte nach und nach dafür auch ein Begriff, dessen Ursprung in diesem Zusammenhang nicht so recht zu bestimmen ist, in den Diskurs: Digitalismus.

Vermutlich ist er auf irgendeinem Kongress von einem kritischen Geist geprägt worden und hat sich viral in der Debatte verbreitet. Sicher ist, dass "Digitalismus" seit 2008 in der Öffentlichkeit in diesem Sinne verwendet wird, zum Beispiel in einem Beitrag der "Zeit". Kurz danach, 2009, in einem Tech-Magazin des deutschen Verlags Heise, ist er schon unkommentierter Grundbegriff in der Hinweiszeile auf den Artikelinhalt, der sich kritisch mit der Verzückung angesichts der Potenziale der Datenwirtschaft beschäftigt.

Susanne Gaschke, eine bekannte Journalistin und Politikerin, benutzte ihn dann 2009 in einem Vortrag mit dem Titel "Warum wir Weltverständnis nicht bei Google finden". Von diesem Zeitpunkt an verbreitete der Begriff sich rasch und avancierte zu einem schillernden Etikett der Kritik, etwa bei Sascha Lobo, der ihn 2016 im Blog auf "Spiegel online" über den Schaden des Technikaberglaubens als Markierung eines Trends aufgreift. "Die Neue Zürcher Zeitung" eröffnete kürzlich gar eine Diskussion über die Frage, ob der "Digitalismus" eine neue Religion sei.

Das Wort stellt im Übrigen ein interessantes Beispiel für eine Präferenzverlagerung dar, denn bevor es zu einem kritischen Begriff mit technischer Färbung wurde, beschrieb es aus medizinischer Sicht die Vergiftung durch den Fingerhut, also die Digitalispflanze. Natürlich ist eine solche metaphorische Bedeutungsübertragung sehr verführerisch. Nicht minder ist es jene amüsante Reminiszenz an klassische Theorien des simplifizierten Linkshegelianismus und ihre Umsetzung in der Praxis.

Denn irgendwie ruft der Begriff auch Assoziationen an den am 15. August 1989 anlässlich der Vorstellung eines 32-Bit-Chips aus DDR-Produktion vom Staatsratsvorsitzenden Erich Honecker mit dünnem Stimmchen vorgetragenen Vers hervor: "Den Sozialismus in seinem Lauf hält weder Ochs noch Esel auf." Spaßig: Ersetzt man den "Sozialismus" durch "Digitalismus", wird das "unaufhaltsame Fortschreiten" der Digitalisierung zu einem hintergründig mitschwingenden geschichtsphilosophischen Prinzip: zu einem "Historischen Materialismus 4.0". Mit der Version 1.0 war es allerdings wenig später zu Ende.