Andreas Rauschal, geboren 1984 in Vöcklabruck, ist Redakteur im "extra" der Wiener Zeitung.
Andreas Rauschal, geboren 1984 in Vöcklabruck, ist Redakteur im "extra" der Wiener Zeitung.

"Eigenartigerweise kann ein Mann immer sagen, wie viele Schafe er besitzt, aber er kann nicht sagen, wie viele Freunde er hat, so gering ist der Wert, den wir ihnen beimessen." Angesichts des Internationalen Tags der Freundschaft am 30. Juli kann man schon einmal nachdenklich werden, wenn man zufällig über so ein
Sokrates-Zitat stolpert.

Immerhin war man gerade vorher auf Facebook und hat dort nicht nur lustig-drollige Kurzvideos gesehen, in denen zwar keine Schafe vorkamen. Dafür gab es mit herzigen Hunderln und süßen "Gadsen" (man nennt sie im Internet wirklich so) die eigentlichen Hauptattraktionen und Mehrzwecke aus dem WWW zu bestaunen. Vor allem, wenn diese gemeinsam lieb spielen oder vielleicht sogar kuscheln, sich also jedenfalls nicht so aufführen wie unsere tierischen Comic-Freunde Tom und Jerry oder Itchy & Scratchy während eines gewaltigen Blutrauschs, herrscht ja kollektives Entzücken - und die herzförmigen Likes haben Hochkonjunktur.

Man biegt dann besser nicht mit dem Argument um die Ecke, dass Tom und Jerry den Realitäten tief im Innersten des finsteren deutschen Waldes oder irgendwo draußen bei den Tüpfelhyänen in der Serengeti wesentlich näherkommen, als das etwa die zerrupft-niedliche Promenadenmischung vom Dings beim Pfotigeben auf seinem Profilfoto je könnte - einmal ganz abgesehen von den Verhältnissen in einer durchschnittlichen Karpfenzucht, einer Schlangengrube oder einem Seitenarm des Amazons voller Piranhas. Putzigkeit ist gut und tut gut, vor allem, wenn der Alltag zwischen Alltag und globaler Nachrichtenlage wieder einmal nahelegt, dass Gottes schöne Erde eher ein Haifischbecken ist. Endlich einmal Harmonie! Peace & Tierbabys. One love!

Cat-Content bevorzugende Facebook-User können Sokrates jetzt außerdem entgegnen: Natürlich weiß ich, wie viele Freunde ich habe. 867, nein, Moment, 866, der ********** Max, der *****, hat mich anscheinend gelöscht! Die ***!! (Einatmen, ausatmen.) Wobei man auch schon bei Aristoteles wäre. Der hat in seiner Nikomachischen Ethik eine Unterscheidung getroffen. Demnach ist von einer Freundschaft um a) des Wesens, b) des Nutzens und c) der Lust willen zu sprechen. Erstere die wahre und wahrhaftige Freundschaft, Zweitere in diversen Steigerungen bis hin zur Formel "Feind, Todfeind, Parteifreund" auch heute noch bekannt - und die Drittgenannte ohnehin ein Phänomen unserer Zeit. Oh! My! God! Aristoteles hat die Friends with benefits miterfunden! Durchforsten wir seine Schriften auf Prophetie in Sachen Netz-Dating und Tinder!

Oscar Wilde hat übrigens auch einmal etwas Schönes gesagt: "Freundschaft ist weit tragischer als Liebe. Sie dauert länger." Das ist für die Neigungsgruppe Putzigkeit nun entschieden zu zynisch. Tom und Jerry aber gefällt dies.