Severin Groebner ist Kabarettist, Autor und Gründungsmitglied der "Letzten Wiener Lesebühne". Sein neues Buch mit zahlreichen Kolumnen (unter anderem auch aus der "Wiener Zeitung") heißt "Lexikon der Nichtigkeiten" und ist im Satyr-Verlag (Berlin) erschienen.
Severin Groebner ist Kabarettist, Autor und Gründungsmitglied der "Letzten Wiener Lesebühne". Sein neues Buch mit zahlreichen Kolumnen (unter anderem auch aus der "Wiener Zeitung") heißt "Lexikon der Nichtigkeiten" und ist im Satyr-Verlag (Berlin) erschienen.

Frage: Wenn Sie einen Zettel zerreißen, auf dem etwas steht, was sie nicht wollen, dass das jemand anderer erfährt (zum Beispiel die Telefonnummer dieses sehr attraktiven Menschen, der Ihnen ein fast schon eindeutiges Angebot gemacht hat, Sie aber natürlich nur charakterlich an ihm interessiert sind, was aber Ihr Partner nicht unbedingt zu wissen braucht), und sie zerreißen diesen Zettel nicht einmal, nicht zweimal, sondern dreimal . . . was ist das dann? Pedanterie?

Oder anders gefragt: Sie haben einen Kamin. Denn Ihr Haus ist recht groß und geräumig. Das ist es, weil Sie gut bei Kasse sind. Und warum? Weil Sie möglicherweise nicht alles dem Fiskus melden, was der eigentlich wissen sollte. Zu Ihrem Pech ist aber der Fiskus mit einer gewissen ungesunden Neugier ausgestattet. Deswegen fahren Sie auch gerne mal in die Schweiz oder nach Liechtenstein oder Luxemburg oder besuchen die schöne Kanalinsel Jersey. "Wegen der Küche!", wie Sie betonen. Und dass Sie zufällig gerade ein bisschen Bargeld dabei haben, hat nichts zu sagen. Und dass Sie als Souvenir ein paar Kontoauszüge mit nach Hause nehmen, ist auch bitte nicht falsch zu verstehen. Wenn Sie dann diese Kontoauszüge eines Tages in dem oben angesprochenen Kamin verbrennen, dann tun Sie das lediglich aus einer Laune heraus. Und wenn Sie die verkohlten Reste dann mit Feuerzeugbenzin übergießen und dann noch einmal anzünden und danach noch einmal, dann ist das . . . Gewohnheit?

Oder nochmal anders: Stellen wir uns vor, Sie haben ein Hobby. Leider ist dieses als solches nicht gesellschaftlich anerkannt. Im Gegenteil: Es sehen die meisten Menschen darin nicht einen harmlosen Zeitvertreib, sondern ein Kapitalverbrechen. Deshalb üben Sie Ihre kleine Liebhaberei auch im stillen Kämmerlein aus. Im Keller. Im extra dafür ausgebauten Hobbyraum. Hinter einer großen, schweren Metalltür. Mit Schalldämmung. Aus Rücksicht auf die Nachbarn. Manche Geräusche, die nach außen dringen könnten, sind nämlich derart, dass Sie ungeübte Ohren stören würden. Als gut erzogener Mensch wollen Sie natürlich Ihren Mitmenschen nicht auf die Nerven gehen. Und Aufmerksamkeit wollen Sie natürlich auch keine erregen. Weswegen Sie die angesprochene Türe abschließen. Und zwar mit allen drei Schlössern. Und wenn Sie dann kontrollieren, ob die auch wirklich zu ist. Und dann noch einmal. Und danach schon wieder, dann ist das . . . wahrscheinlich eine kleine Zwangsneurose. Ein harmloser Tick.

Und wissen Sie, was das ist, wenn ein Mitarbeiter des ehemaligen Bundeskanzlers nicht eine, nicht zwei, nicht drei, sondern gleich fünf Speichermedien schreddern lässt? Wenn er die persönlich zu der Datenvernichtungsfirma hinfährt? Und bei der Zerstörung persönlich anwesend sein will? Und wenn er die unbedeutenden Festplatten nicht einmal durch den Schredder laufen lässt? Auch nicht zweimal. Sondern dreimal. Und wenn er den Datenstaub auch noch mitnimmt? Was ist das? Pedanterie? Gewohnheit? Ein Tick? Wenn Sie Sebastian Kurz fragen, dann erfahren Sie es: Das ist Schlamperei.

Ich wär’ auch nicht gleich draufgekommen.

Severin Groebner ist Kabarettist, Autor und Gründungsmitglied der "Letzten Wiener Lesebühne". Sein neues Buch mit zahlreichen Kolumnen (unter anderem auch aus der "Wiener Zeitung") heißt "Lexikon der Nichtigkeiten" und ist im Satyr-Verlag (Berlin) erschienen.

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