Hans-Paul Nosko, geb. 1957, lebt als Journalist und Glossist in Wien. - © Robert Newald
Hans-Paul Nosko, geb. 1957, lebt als Journalist und Glossist in Wien. - © Robert Newald

"Entzerrung der Urlauberströme" heißt die Zauberformel, wenn es um die Bekämpfung dessen geht, was Fremdenverkehrs-Experten Overtourism getauft haben: Endlose Menschenschlangen, die sich durch die Straßen winden, sei es in Venedig, Dubrovnik oder Hallstatt. Bewohner, die nach erledigtem Einkauf die eigene Haustüre nicht erreichen können, weil die Besuchermassen ihnen den Weg dorthin versperren. Das bringt Einheimische gegen Auswärtige auf.

Damit dies in Wien nicht passiert, überlegen die zuständigen Organisationen seit einiger Zeit, wie eine unerwünschte Anhäufung von Urlaubern in der Innenstadt zu vermeiden wäre. Aber wohin, bitte schön, sollen all jene, die zu Stephansdom, Ringstraße und Spanischer Reitschule streben, nun gelenkt werden?

In die engere Wahl kam Transdanubien. Schauen wir also zunächst, was es dort zu bestaunen gibt und welche Zielgruppen dafür zu interessieren wären. Freunde der Zerstörung großer Bauwerke können seit einigen Wochen dem Abriss des Rinterzeltes beiwohnen: zu beobachten in der Donaustadt am Rautenweg. Für Technik-Fans findet sich auf der Donauinsel - Höhe Steinspornbrücke - Wiens erstes noch existierendes Windrad. Zusatz-Attraktion: Im Herbst soll es von einem Künstler bemalt werden. Und in der Seestadt Aspern zirkulieren seit kurzem Wiens erste fahrerlose Autobusse. Allerdings sollte man beim Kreuzen ihrer Strecke nicht auf das Handy blicken und Stöpsel in den Ohren tragen, um von dem "autonomen" Gefährt nicht niedergestoßen zu werden.

Wir wechseln in den fünften Bezirk. Second-Hand-Liebhaber müssen sich nicht zum Flohmarkt auf der Wienzeile bemühen, sondern können auch den 48er-Tandler in der Siebenbrunnenfeldgasse aufsuchen: Die Palette reicht vom Aquarell bis zum Schlagzeug, vom Aquarium bis zum Katzenkratzbaum. Apropos: Wien hat nicht nur den Schönbrunner Zoo im Angebot, sondern auch den Lainzer Tiergarten. Dort, hart an der Grenze zu Niederösterreich, leben Frösche und Molche ebenso wie Rehe und Hirsche. Wer den besonderen Kick braucht, findet diesen sicherlich bei der überraschenden Begegnung mit einer Bache samt Frischlingen. Kleiner Tipp: Mit Selfies sollte man sich hier nicht allzu viel Zeit lassen.

Motorrad-Aficionados sei der Exelberg im äußersten Hernals empfohlen. Und ganz im Süden, auf der Triester Straße, finden nächtens die illegalen Wettkämpfe der "Roadrunner" statt - gelegentliche Polizeieinsätze ergänzen das Programm. Wer wiederum den öffentlichen Verkehr und die Gemütlichkeit bevorzugt, kann das Tramway-Museum im dritten Bezirk aufsuchen.

Na, bitte: Da sollte doch für einige Touristen etwas Sehens- und Erlebenswertes außerhalb der Innenstadt dabei sein. Vielleicht nicht für den ersten Wien-Besuch, bei dem das historische Erbe abgearbeitet werden muss - aber danach könnte sich ein bisschen Entzerrung bereits ausgehen.