Andreas Wirthensohn, geb. 1967, lebt als freier Lektor, Übersetzer und Literaturkritiker in München.
Andreas Wirthensohn, geb. 1967, lebt als freier Lektor, Übersetzer und Literaturkritiker in München.

Früher redeten bekanntlich alle vom Wetter, heute spricht man dauernd vom Klimawandel, und ich frage mich manchmal, ob man sich über schönes Wetter eigentlich noch ganz unbefangen freuen kann. Hängt da nicht, wenn der Himmel im schönsten Blau erstrahlt, irgendwo das große dunkle Aber? Ein immer lauter werdendes "Wehe, wehe, wenn ich auf das Ende sehe"?

Aber vielleicht denke nur ich so. Denn wenn ich an warmen Sommertagen wie diesen durch den Englischen Garten in München radle, ist von Klimaangst nichts zu spüren, im Gegenteil. Alles drängt nach draußen, Bier und Brotzeit im Gepäck. Auf den großen Wiesen im Park ist selbst in der prallen Sonne kaum noch ein freies Fleckchen zu finden, alles vermischt und vermengt sich, Studenten, Familien, Sonnenanbeter, Hunde, ein paar versprengte "Nackerte", für die die bayerische Landeshauptstadt einst berühmt-berüchtigt war. München, wie es leibt und lebt eben.

Bildungsbürgerlich gesprochen ist das Treiben hier in den einstmals königlichen Grünanlagen perfekter Ausdruck der gern beschworenen liberalitas Bavariae: Leben und leben lassen, jeder soll nach seiner Façon glücklich werden. Nun können offenbar nicht alle mit dieser Freizügigkeit umgehen. Für viele, so scheint es, bedeutet die liberalitas schlicht liegen und liegen lassen. Abends, wenn der Park sich leert, bleiben jedenfalls Unmengen an Müll zurück, an den Gebüschrändern macht sich ein stechender Geruch breit. Dieser Tage unternahmen die Schüler eines örtlichen Gymnasiums eine groß angelegte Säuberungsaktion und waren entsetzt ob der Müllberge, die sie da zusammentrugen: Plastikverpackungen ohne Ende, jede Menge Flaschen, ganz oder in Scherben, dazu Kondome und sogar ein paar Päckchen mit Koksresten. Die Stadtreinigung sorgt zwar jeden Morgen dafür, dass sich das bunte Treiben täglich wiederholen kann, aber man fühlt sich doch an ein Kinderzimmer erinnert, das von den Eltern aufgeräumt wird.

Aber Verbote, strenge Regeln oder gar Bußgelder, die wehtun, sind hier reichlich unbeliebt, man setzt viel lieber auf "Anreize" oder das Prinzip der Freiwilligkeit. Alles im Namen einer angeblichen Liberalität. Dabei meinte die liberalitas Bavarica ursprünglich nicht, dass jeder alles darf, sondern bezeichnete die großzügige Stiftertätigkeit bayerischer Herrscher im Gegensatz zum "Geiz" des gemeinen Mannes. Erst später wurde das Adjektiv durch Bavariae ersetzt und die liberalitas zu einer Art Stammeseigenschaft erklärt.

Und so darf jetzt jeder Saubär (lat. Porca Ursus) sein egoistisches Treiben mit Verweis auf diesen hehren lateinischen Begriff rechtfertigen.