Severin Groebner ist Kabarettist, Autor und Gründungsmitglied der "Letzten Wiener Lesebühne". Sein neues Buch mit zahlreichen Kolumnen (unter anderem auch aus der "Wiener Zeitung") heißt "Lexikon der Nichtigkeiten" und ist im Satyr-Verlag (Berlin) erschienen.
Severin Groebner ist Kabarettist, Autor und Gründungsmitglied der "Letzten Wiener Lesebühne". Sein neues Buch mit zahlreichen Kolumnen (unter anderem auch aus der "Wiener Zeitung") heißt "Lexikon der Nichtigkeiten" und ist im Satyr-Verlag (Berlin) erschienen.

Die öffentliche Ordnung ist bedroht. So viel steht fest. Nicht durch Räuberbanden, nicht durch Finanzspekulanten und auch nicht durch Herbert Kickl. Schließlich ist der ja nicht mehr Innenminister. Doch droht Ungemach von ganz anderer Seite: durch Teigtaschen.

Sie sind illegal, unkontrolliert und ohne Papiere. Aber Kurz ist ihnen auf der Spur. Nein, nicht der Sebastian, sondern der Franz. Seines Zeichens nach Leiter der Wiener Finanzpolizei, welche in Favoriten eine illegale Teigtaschenproduktionsstätte ausgehoben hatte. Er selbst sagt, er werde keine Teigtaschen mehr essen, weil er gesehen habe, wie sie hergestellt wurden. Das ist ein gutes Argument. Andererseits: Was würde passieren, wenn wir alle so handelten? Oder haben Sie schon mal gesehen, wie Extrawurst hergestellt wird? Oder Leberkäse? Weingummis? Menschen? Gut, die isst man nicht. Ungenießbar können sie trotzdem sein.

Der Grund für die illegale Teigtaschenproduktion sei aber, so hörte man, der Mangel an guten chinesischen Köchen in Österreich. Und der Chinese möchte eben auch im europäischen Ausland ordentliche Teigtaschen haben. Das sollte der Österreicher eigentlich verstehen. Denn was vermisst der austriakische Mitmensch als Erstes bei einem Besuch in der Fremde? Die politische Kultur? Das angenehme Miteinander? Die Boulevard-Zeitungen? Das Gesamtwerk von Andreas Gabalier? Nichts davon. Aber sein Gulasch, seine Frittatensuppe und seinen Apfelstrudel. Schon nach wenigen Tagen Entzug bekommt der österreichische Gaumen Heimweh.

Man könnte mit der heimischen Liebe zum Essen sicherlich sogar Wahlkampf machen, wenn es nicht dumm, nichtssagend, niveaulos und einfach sinnlose Stimmungsmache wäre. Gottseidank macht das keiner.

Vielleicht gibt es ja auch bei den zahlreichen exilösterreichischen Gemeinden in aller Welt heimliche Produktionsstätten heimischer Gaumenfreuden. Wer weiß, ob nicht in Hinterhöfen von Brooklyn im großen Stil an Sachertortenteig gearbeitet wird? Möglich, dass irgendwo in den Kellern von Dubai Schnee für Salzburger Nockerln geschlagen wird. Und versteckt in den Hochhausschluchten von Shanghai bruzzelt heimlich "Wiener Allerlei" in der Fritteuse. Haben wir daher lieber Mitleid mit dem chinesischen Gaumen voller Heimweh. Uns würde es umgekehrt genauso gehen.

Und das fiskale Vergehen ist gerade bei Teigtaschen nicht verwunderlich. Fast schon systemimmanent. Denn Teigtaschen gibt es fast überall: Von China bis nach Georgien, von Russland bis nach Chile, von Finnland bis nach Italien, sogar in Korea und den auf den Philippinen lässt man sie sich auf der Zunge zergehen. Weshalb sie auch unterschiedliche Namen tragen: Pierogi, Ravioli, Empanada, Kasnudeln, Schlutzkrapfen, Wan Tan, Samosa oder Chuuschuur. Den schönsten Namen haben aber die Schwaben. Die dort offiziell "Maultaschen" titulierten Teigtaschen wurden nämlich gerne dazu benutzt, auch während der Fastenzeit versteckt Fleisch zu sich zu nehmen. Weshalb sie auch "Herrgottsbscheißerle" genannt werden. Und wenn man schon versucht, den Allermächtigsten kulinarisch hinters Licht zu führen, dann . . . wird man es beim Finanzamt natürlich erst recht probieren.

Severin Groebner ist Kabarettist, Autor und Gründungsmitglied der "Letzten Wiener Lesebühne". Sein neues Buch mit zahlreichen Kolumnen (unter anderem auch aus der "Wiener Zeitung") heißt "Lexikon der Nichtigkeiten" und ist im Satyr-Verlag (Berlin) erschienen.

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